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18.03.2015

Zungen- und Pulsdiagnostik

TCM-Themenwoche
Als ältestes Diagnoseverfahren wurde die Inspektion der Zunge in allen westlichen und östlichen Kulturen und zu allen Zeiten durchgeführt. In der Chinesischen Medizin (TCM) kann sie auf eine beinahe fünftausend Jahre alte Tradition zurückblicken.

Die Zunge als Spiegelbild unserer Gesundheit
Ein Arzt mit entsprechender Ausbildung in der TCM schenkt der Zunge sehr viel Aufmerksamkeit. Denn gerade ihre Beschaffenheit gibt ihm wichtige Hinweise auf den Gesundheitszustand seines Patienten. Laut der jahrtausendalten Lehre der TCM durchziehen Meridiane den Körper, die auch Zunge und Organe miteinander verbinden.



Die Organe lassen sich in bestimmten Regionen auf der Zunge wiederfinden: Die Zungenspitze entspricht den Organen Herz und Lunge, die Zungenmitte spiegelt Milz und Magen wider, der Zungengrund zeigt die Niere, die Zungenränder entsprechen der Leber und der Gallenblase. Mit Hilfe des Zungenbildes ist eine Diagnose über den Zustand der an der Verdauungsarbeit beteiligten Organe, des Blutes, der Nerven und der Lebens- oder Körperkraft möglich.

Zum Vorgehen
Als erstes wird sich der TCM-Arzt immer die Zunge als Ganzes ansehen. Eine gesunde Zunge hat eine angepasste Form, ist hellrot, beweglich und hat einen dünnen, weißlichen Belag. Sie ist feucht und glänzend. Die Zungendiagnostik bezieht sich grundsätzlich auf zwei Bereiche, auf den Zungenkörper und auf den Zungenbelag. Der Zungenkörper (Vitalität, Form, Farbe und Beweglichkeit der Zunge) gibt Aufschluss über die Grundkonstitution, über die Verfassung der Organe und über den Zustand des qi. Der Zungenbelag (Farbe, Dicke und Beschaffenheit des Belags) über eingedrungene krankmachende Einflüsse. Dabei achtet der Zungendiagnostiker stets darauf, ob die Veränderungen die ganze Zunge oder nur bestimmte Bereiche wie zum Beispiel eine Seite, die Spitze oder die Mittellinie betreffen.

Zungenfarbe
An Veränderungen der Farbe kann der Therapeut sehen, ob Hitze oder Kälte vorliegt und – je nach Farbveränderung – wie tief die Krankheit eingedrungen ist. Die Farben des Zungenkörpers reichen von hellrot über dunkelrot bis schwarz bzw. von hellrot über blass, bläulich und lila bis hin zu blau und schließlich schwarz.

Allgemein gilt: je blasser der Zungenkörper, desto deutlicher der Hinweis auf eine Energieschwäche, auf eine Verlangsamung der dynamischen Prozesse, auf Kälte. Menschen mit solchen Zungen leiden meist unter chronischer Müdigkeit, Schwindel, Kälte und Appetitlosigkeit. Ursache kann zum Beispiel ein größerer Blutverlust oder eine durchgemachte Erkrankung sein.

Eine rote Zunge liefert einen Hinweis auf eine gesteigerte Dynamik der energetischen Prozesse, auf Hitze. Menschen mit solchen Zungen leiden oft unter einem unangenehmen Hitzegefühl, an Herzproblemen, unter Durstigkeit, Unruhe, Schmerzen und Schlaflosigkeit. Oft wird die Zunge auch rot, wenn der Patient fiebert. Infektionen oder Entzündungen können die Ursache sein.



Zungenbelag
In der TCM werden rund 20 verschiedene Beläge und ihre Bedeutung definiert. Der Zungenbelag eines gesunden Menschen ist dünn, weiß und leicht feucht. Der Belag sollte an der Spitze am dünnsten sein und an der Wurzel am dicksten. Für die Selbstdiagnose zu Hause genügt es, wenn Sie zwei Hauptformen unterscheiden: Ein weißer Belag ist je nach Ausdehnung ein Zeichen für Magen-Darmstörungen, z.B. einen Mangel an Verdauungssäften, aber auch für Entzündungen der Magen- oder Darmschleimhaut. Ein gelber Belag (bis hin zu einem bräunlichen Gelb) steht für unterschiedliche Ausprägungen einer Leberschwäche. Dabei gilt: Feine, dünne Beläge zeigen beginnende Störungen der Verdauungsorgane an, dicke Beläge deuten dagegen auf tiefgehende, oft entzündliche Prozesse hin.

Natürlich verändern stark gefärbte oder gewürzte Speisen die Zunge kurzfristig genauso wie der Genuss von Kaffee oder Tabak. Medikamente wie Antibiotika können zu Löchern im Zungenbelag oder zu einer Verdickung des Belages führen. Diese Faktoren sollten immer berücksichtigt werden.

Zungenform
Die Zunge kann geschwollen, schmal oder rissig sein. Eine geschwollene Zunge, häufig mit Zahnabdrücken am seitlichen Rand, deutet auf ein Übermaß an Feuchtigkeit hin. Die Zahneindrücke deuten je nach Seite auf entsprechenden Organstörungen hin.



Eine schmale und kleine Zunge sowie Zungenrisse sind dagegen Folge von Trockenheit im Körper. Auch Vitalstoffmängel werden an der Zunge sichtbar: Eine starke Felderung der Zunge oder erdbeerartige Stippchen gelten z.B. als Hinweis auf einen meist ernährungsbedingten Vitamin B12-Mangel. Eine rote Zungenspitze mit brennendem Empfinden zeigt oft einen ausgeprägten Eisenmangel an. Falten und Furchen auf der Zunge sind ein Zeichen für ein empfindsames Nervenkostüm.

Bitte beachten Sie: Ein erfahrener Zungendiagnostiker kann eine Vielzahl weiterer Informationen aus dem Zustand Ihrer Zunge entnehmen und Zusammenhänge nach der Traditionellen Chinesischen Medizin deuten. Dieser Artikel kann nur einen Bruchteil der Möglichkeiten aufzeigen.

In der chinesischen Medizin wird der Zungenbefund außerdem immer im Kontext mit anderen Befunden gesehen. Zur genauen Diagnosestellungen werden stets weitere Untersuchungsmethoden wie zum Beispiel die chinesische Pulsdiagnose herangezogen.

"Fühle den Puls nicht nur mit den Fingern, sondern mit dem Herzen!" (Prof. Huang Tao) – Die Pulsdiagnose
Schon seit über 2000 Jahren behandeln TCM-Ärzte ihre Patienten auf der Basis der Pulsuntersuchung, diese macht sogar etwa ein Drittel der Diagnostik aus. Die Pulsdiagnose kann eine lange Tradition nachweisen: In der Literatur findet man unter anderem den Arzt Bian Que als den "Erfinder" der Pulsdiagnostik. Er soll schon 500 Jahre vor Christus diese Methode zur Diagnosefindung genutzt haben. Wenn im alten China ein Patient zum TCM-Arzt ging, sagte er "Ich gehe zum Pulstasten."
 
Das Wort Puls wird in der westlichen Medizin intuitiv mit den Begriffen "Herz", "Kreislauf" oder "Blutzirkulation" verbunden. Die Puls-Messung stellt neben der Blutdruckmessung eine wichtige Methode dar, um die Funktionsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems zu beurteilen. Das chinesische Wort für Puls ist Xue Mai. Wobei Xue Blut und Mai Gefäß oder Leitbahn bedeuten. Die Pulsdiagnose meint in der chinesischen Diagnostik demnach so viel wie Blutgefäßbetrachtung. Die Pulsfrequenz ist dabei nur ein wichtiges Merkmal des Pulsschlages. Darüber hinaus werden zum Beispiel die Gleichmäßigkeit, die Stärke und der Verlauf des Pulses bewertet.
 
Wie funktioniert die Pulsdiagnostik nach TCM?
Insgesamt unterscheidet die TCM 28 unterschiedliche Pulstypen, wie beispielsweise oberflächlich oder tief, langsam oder schnell, schmal oder breit oder nach Form und Länge der Pulswelle.



Der TCM-Arzt fühlt den Puls auf drei Positionen an beiden Handgelenken entlang der Hauptschlagader. Diese Taststellen sind bestimmten inneren Organen und damit bestimmten Funktionskreisen zugeordnet. Die daumennächste Position korrespondiert mit dem Brustkorb und dem Oberkörper (Herz, Lunge), der mittlere Punkt mit dem Oberbauch (Magen, Milz, Gallenblase und Leber) und die handgelenkfernste Position korrespondiert mit dem Unterbauch (Niere, Blase, Dünn- und Dickdarm). Die Kraft, die Geschwindigkeit, der Rhythmus und das Volumen des Pulses geben Auskunft über die Konstitution des Patienten. Ein gesunder Puls ist regelmäßig, mit vier oder fünf Schlägen pro Atem. Der Arzt arbeitet bei der Tastung idealerweise gleichzeitig mit Zeigefinger, Mittelfinger und Ringfinger. Denn auf diese Weise kann er die Pulswelle nicht nur oberflächlich, sondern auch in der Tiefe ertasten.

Der Puls wird im Gegensatz zur westlichen Medizin als Symptom verstanden (wie übermäßiger Durst, Herzklopfen, Unruhe), zeigt jedoch gleichzeitig den Zustand des gesamten Organismus. Der in der chinesischen Diagnostik erfahrene Therapeut kann durch Tastung der Pulsqualitäten Aussagen über die Funktionen bestimmter Organe wie Herz, Nieren, Lunge, Magen oder Darm sowie des Blutkreislaufes treffen und Rückschlüsse auf die energetischen Veränderungen im Körper – und damit auf zugrundeliegende Erkrankung bzw. Funktionsstörungen oder Schwachstellen ziehen. Dabei kann er auch erkennen, ob die Erkrankung noch oberflächlich oder schon in die Tiefe vorgedrungen ist. Ein "schlüpfriger" Puls kann z. B. auf eine Feuchtigkeitsansammlung im Körper (die sich in Übergewicht, Müdigkeit und Konzentrationsschwäche zeigt), ein sehr langsamer Puls auf eine kältebedingte Erkrankung hinweisen. Dabei ist der Puls mit unserem qi verbunden, das unsichtbar durch unsere Gefäße fließt.

Eine Momentaufnahme
Die Diagnose des Pulses in der TCM ist eine subjektive, schwer erlernbare Diagnoseform, die sowohl von inneren (z.B. Alter des Patienten) als auch äußeren Einflüssen (z.B. Jahreszeit) abhängig ist. In der TCM liefert der arterielle Puls detaillierte Informationen über den Zustand der Organe und ebenso über den Zusammenhang von qi und Blut. Er ist somit von diesen Faktoren und deren Funktionszustand abhängig. Die Tastung sollte in ruhiger Atmosphäre und voll konzentriert durchgeführt werden. Weitere wichtige Voraussetzung für ein unverfälschtes Ergebnis ist das ruhige und entspannte Liegen des Patienten während der Diagnose. Dabei sollten die Beine des Patienten nicht überkreuzt sein, damit es nicht zur energetischen Vermischung beider Körperhälften kommt. Die Pulsdiagnose kann bis zu 30 Minuten dauern.

Was bei der Pulsdiagnose auf jeden Fall berücksichtigt werden sollte ist, dass diese Art der Diagnose nur das momentane Befinden, also die Beschaffenheit der so genannten "Betriebsenergie" angibt. Das Pulsbild ist also eine energetische Momentaufnahme im Leben eines Patienten und zeigt bestehende Ungleichgewichte und Störungen an.
Chronische und ernsthafte Krankheiten können nicht mit Hilfe der Pulsdiagnose festgestellt werden.


Themenvorschau TCM-Woche:

Montag, 16.03. – Die Säulen der TCM
Dienstag, 17.03. – Die chinesische Organuhr
Mittwoch, 18.03. – Zungen- und Pulsdiagnostik
Donnerstag, 19.03. – Akupressur und Akupunktur
Freitag, 20.03. – Qigong und Tai Chi
 
Literatur
  1. Kirschbaum, Barbara. Handbuch Zungendiagnostik. Die Zungenzeichen in der Chinesischen Medizin. Verlag Systemische Medizin. Bad Kötzting 2013. > Abstract
 
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Karen Hoffschulte
Karen Hoffschulte
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