28.07.2016

Angewandte Kinesiologie und Elektroakupunktur nach Voll auf dem Prüfstand

Wo bleiben die Daten?
In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Erfahrungsheilkunde beschäftigt sich Dr. Volker Schmiedel mit Diagnosemethoden, die von einigen komplementärmedizinisch orientierten Therapeuten regelmäßig angewendet werden.[1] Die Angewandte Kinesiologie (im Folgenden "Kinesiologie") sowie die Elektroakupunktur nach Voll (EAV) werden hierbei als zwei der bekanntesten Verfahren herausgegriffen, stehen aber exemplarisch für eine breite Palette unterschiedlichster, meist apparategestützter Instrumente zur Befunderhebung, die nicht zum Repertoire der konventionellen Medizin gehören.
 
Schmiedels Hypothese ist, dass sich zumindest in Bezug auf diese beiden Techniken verlässliche Wirksamkeitsnachweise finden lassen müssten. Da es hierbei um Diagnose- und nicht um Therapieverfahren geht, bestünde deren Wirksamkeit darin, dass sie in der Lage sein müssten, objektiv nachprüfbare und stabil reproduzierbare Messergebnisse zu liefern. Zur Veranschaulichung: Messungen der Leukozytenzahl, des Glukosespiegel u.ä. Werte, die sich aus dem Blut eines Patienten bestimmen lassen, sollten sich unabhängig vom einzelnen Labor überall auf der Welt innerhalb gewisser Fehlertoleranzgrenzen mit dem gleichen Ergebnis durchführen lassen. Von anderen Testverfahren wäre Ähnliches zu fordern.
 
Mitunter werden aufgrund der Diagnosestellung mittelst EAV und Kinesiologie gesundheitsrelevante Entscheidungen getroffen, die von der Vermeidung bestimmter Nahrungsmittel bis hin zur langdauernden Einnahme verschiedener Arzneimittel reichen können. Immer wieder gibt es Einzelfallberichte von erfolgreichen Therapien, die aufgrund Tests mit diesen o.ä. Verfahren durchgeführt wurden. Es existieren somit gute Gründe, zu fragen, ob die Befunderhebung mit Hilfe dieser Methoden nach wissenschaftlichen Kriterien zuverlässig und genau ist.
 
Kinesiologie im Test
Die Theorie der Kinesiologie besagt, dass Informationen über den Gesundheitszustand eines Patienten sich aus dessen Muskelreaktionen ablesen ließen. Es wird angenommen, dass der Körper auf verschiedene Umwelteinflüsse, etwa toxische Substanzen oder aber auch bestimmte Emotionen mit der Schwächung bestimmter Muskelgruppen rea-giert. Diese induzierte Muskelschwäche, die der Patient nicht bewusst beeinflussen kann, soll dann im kinesiologischen Test, meistens Druckreaktion des Patienten am Arm, aufgefunden und interpretiert werden. Kinesiologie wird häufig eingesetzt, um die Unverträglichkeit bestimmter Stoffe (Allergene, Nahrungsmittel etc.) zu diagnostizieren.[2]
 
Die Karl und Veronica Carstens-Stiftung untersuchte 1993 die Zuverlässigkeit der Kinesiologie in einer randomisierten Doppelblind-Studie an Bienen- und Wespengiftallergikern.[3]  Ältere Studien[4,5] ließen zu diesem Zeitpunkt keine hinreichende Zuverlässigkeit der Kinesiologie erkennen.

42 klinisch und allergologisch abgesicherte Probanden wurden von zwei Versuchspersonen kinesiologisch getestet. Einer der beiden hatte die Methode bereits im Vorfeld der Untersuchung erlernt, der andere wurde erst im Verlauf der Studie in das Verfahren eingewiesen. Den Allergikern wurde jeweils eine Ampulle mit Bienen- bzw. Wespengift oder aber eine Kontrolllösung (Kochsalz bzw. andere potentielle Allergene) auf den Bauch gelegt. Daraufhin erfolgte der Muskeltest, indem die Prüfer versuchten, den ausgestreckten Arm der Probanden hinunter zu drücken. Das Ergebnis: Keiner der beiden Tester war in der Lage, über die reine Zufallstrefferquote hinaus festzustellen, unter welcher Allergie die Probanden litten. Die Kinesiologie war somit in dieser Versuchsanordnung nicht besser geeignet, eine Bienen- bzw. Wespengiftallergie zu diagnostizieren als ein Münzwurf.

 

















Abb 1: Lüdtke et al. (1996)

Dieses Ergebnis konnte im Rahmen eines zweiten Versuchsdurchlaufs unter geringfügig veränderten Bedingungen reproduziert werden.[6] Die Kinesiologie erscheint in diesem Setting als ungeeignet für die Diagnose der getesteten Allergien.
 
Die EAV unter Studienbedingungen
Beim Einsatz dieser Diagnosemethode wird der elektrische Widerstand der Haut an verschiedenen Akupunkturpunkten gemessen. Die Messergebnisse sollen Auskunft über funktionelle Zusammenhänge sowie einzelne Organe des Körpers geben. Eine modifizierte Version des Verfahrens sieht die Möglichkeit vor, Testampullen in den Stromkreis einzubringen. Hierbei soll geprüft werden, ob die in ihnen enthaltene Substanz, bspw. ein Arzneimittel, in der Lage ist, eine vom Sollwert abweichende Messung am Akupunkturpunkt wieder zu normalisieren. In diesem Falle, so die Theorie, könne die Verabreichung der getesteten Substanz für den Patienten nutzbringend sein.[7] 
 
 
Abb 2: Lewith et al. (2001)
 
Es sei an dieser Stelle ausdrücklich vermerkt, dass im Rahmen dieses Artikels lediglich vom diagnostischen Einsatz der EAV, nicht aber vom therapeutischen Einsatz dieser oder anderer Varianten der Elektroakupunktur die Rede ist. 
Eine randomisierte Doppelblind-Studie untersuchte die Aussagekraft der EAV an 30 Probanden.[8] 15 von ihnen waren mit einem Standardverfahren (Prick-Test) positiv auf Allergien gegen Hausstaub bzw. Katzenhaare getestet worden. Die andere Hälfte der Versuchspersonen wies einen entsprechenden negativen Befund auf. Drei Prüfer versuchten nun in drei Sitzungen und insgesamt 54 Messungen, zwischen den Probanden mit und denjenigen ohne Allergie zu unterscheiden. Eine weitere Kontrolle wurde durch die Messung destillierten Wassers durchgeführt. Keiner der Prüfer war in der Lage, zuverlässig zwischen Allergikern und Nicht-Allergikern zu unterscheiden. Ebenso gelang es nicht, ein stabiles Testergebnis für einzelne Probanden über alle Sitzungen hinweg zu erzeugen. 26% der im Prick-Test positiven Versuchspersonen und 23% der negativ Getesteten reagierten laut Messung „allergisch“ auf destilliertes Wasser. Die Autoren schlussfolgern, dass die EAV für die Diagnose von Umweltallergien kein geeignetes Verfahren ist.
 
Unbefriedigende Forschungslage
Die Ergebnisse der hier aufgeführten Arbeiten älteren Datums zu Kinesiologie und EAV als Diagnosetechniken konnten bislang im Wesentlichen nicht durch neuere Untersuchungen relativiert bzw. widerlegt werden. Sie wurden eher noch bestätigt.[9,10,11,12] Tatsächlich sehen einige Autoren diese tendenziell negativen Resultate als hinreichend an, um die in Rede stehenden Verfahren als Diagnoseinstrumente insgesamt zu verwerfen.[13,14]

Der Europäische Verband für Kinesiologie e.V.[15]  führt hiergegen die Ergebnisse zweier Arbeiten an: Bei der Studie von Eardley et al. (2013)[16]  handelt es sich um eine Beobachtungsstudie zur therapeutischen Anwendung der Kinesiologie. Sie kommt insofern nicht in Betracht, um über die diagnostische Validität des Verfahrens Auskunft zu geben. Die zweite Arbeit von Waxenegger (2007)[17]  hat Pilotstudiencharakter und eine sehr kleine Stichprobengröße. Sie ist daher für sich genommen nur bedingt aussagekräftig. Insgesamt lässt somit die Forschungslage zu Kinesiologie und EAV nicht den Schluss zu, dass es sich um zuverlässige Methoden der Befunderhebung handelt. 
 
Schmiedel (2016) moniert daher in der Erfahrungsheilkunde, dass es doch möglich sein müsse, für Verfahren wie EAV und Kinesiologie, die seit mindestens 50 Jahren Anwen-dung finden, Wirksamkeitsnachweise zu erbringen, die modernen Anforderungen genügen. Sollte dies aufgrund methodologischer Erwägungen nicht möglich sein, wäre diesbezüglich eine systematische Darstellung von Anwendern der in Rede stehenden Methoden zu leisten. Warum etwa sollte man die Kinesiologie nicht randomisiert und doppelblind erforschen können?
 
Eine Frage der Methodik?
Befürworter des Verfahrens führen zu dieser Frage bspw. aus, es handele sich um eine Methode, die wesentlich von der Intention der Anwender abhinge. Sie verweisen in diesem Kontext auf quantenphysikalische Zusammenhänge und den Informationsbegriff.[18]  In der Tat wäre es möglich, dass bestimmte „weiche“ Faktoren, zu denen auch die Einstellung des Patienten sowie des Therapeuten gehören können, in Modellen, die dem Gold-Standard der klinischen Forschung genügen, in unangemessener Art und Weise systematisch ausgeblendet und so falsch negative Ergebnisse generiert werden.[19] 
 
Darüber hinaus gibt es gute Gründe, Therapieverfahren aus einer multimodalen Perspektive, also sowohl mit Hilfe randomisierter Doppelblind-Studien, als auch im Rahmen alltagsnäherer Forschungsansätze (Outcome-Studien u.ä.) zu evaluieren.[20] In bestimmten Fällen könnte einer bestimmten Menge von Daten mit entsprechender Qualität aus den letztgenannten Beobachtungsstudien sogar ein größerer Erkenntniswert zukommen als solchen, die im Rahmen kontrollierten Studien gewonnen wurden, obwohl die Evidenzbasierte Medizin diese grundsätzlich als zuverlässiger einstuft.[21] Jedoch liegen derartige Daten im Hinblick auf Kinesiologie und EAV bislang nicht vor.
 
Zusätzlich ist die Bedeutung von psychogenen Kontextfaktoren, wie die Absicht des Behandlers oder die Erwartungshaltung des Behandelten, als integraler Bestandteil eines Verfahrens bei therapeutischen Interventionen mitunter plausibel: Im einfachsten Fall wird bspw. ein Patient, der Musik mag, womöglich besser auf Musiktherapie ansprechen, als einer, bei dem dies nicht der Fall ist. Im Hinblick auf Diagnosetechniken überzeugt dieses Argument jedoch weniger: Ein Test auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder Umweltallergien sollte in erster Linie Informationen über den Gesundheitszustand eines Patienten liefern, die möglichst objektiv und reproduzierbar sind. Eher allgemeine Aussagen, die sich auf vermeintliche quantenphysikalische Gegebenheiten stützen, helfen tendenziell nicht dabei, derartige Sachverhalte aufzuklären.

Fazit:
Bisherige Untersuchungen der angewandten Kinesiologie und der Elektroakupunktur nach Voll konnten nicht demonstrieren, dass es sich um zuverlässige Diagnosemethoden handelt. In verblindeten Studien liefert die Kinesiologie regelmäßig Ergebnisse, die sich nicht signifikant von Zufallsbefunden unterscheiden. Diesen negativen Resultaten systematischer Evaluationen stehen hauptsächlich einzelne Kasuistiken gegenüber, die von einem Nutzen der Methoden berichten. Eine Erhärtung dieser Befunde nach wissenschaftlichen Standards, unabhängig von der speziellen Studienform, wäre erst noch zu leisten.
Komplementärmedizinische Diagnoseverfahren sollten den Ansprüchen an Zuverlässigkeit und Genauigkeit genügen, die für Therapie der mit ihrer Hilfe getesteten Krankheitszustände erforderlich ist. Es wären daher Wirksamkeitsnachweise wünschenswert. Alternativ müsste eine Methodendiskussion erfolgen, die in der Lage wäre, nachvollziehbar zu erklären, warum derartige Belege nicht in einer Form, die modernen Evidenzkriterien entspricht, erbracht werden können.
Für andere, hier nicht näher untersuchte Methoden, die den komplementärmedizinischen Diagnoseverfahren zugerechnet werden können, gilt: Die Wirksamkeit dieser zum Teil mit komplexen technischen Vorrichtungen auf Seiten des Therapeuten einhergehenden und daher für den Patienten mit hohem Kostenaufwand verbundenen Methoden ist in der Regel nicht nach wissenschaftlichen Kriterien untersucht worden. Eine zuverlässige Aussage über deren Effektivität lässt sich daher nicht treffen. Für klinische Zustände, die einfach, zuverlässig und hinreichend differenziert mittelst konventioneller Methoden diagnostizierbar sind, sollte diesen der Vorzug vor solchen ungeprüften Verfahren gegeben werden.
 
Literatur
  1. Schmiedel V: Kritische Anmerkungen zu diagnostischen Tests in der Naturheilkunde. EHK 2016, 65: 120-126.
  2. Deutsche Gesellschaft für Angewandte Kinesiologie e.V.: Was ist Kinesiologie. > Abstract
  3. Lüdtke R, Seeber N, Kunz B, Ring J: Kinesiologie in der Allergiediagnostik. In: Albrecht H, Frühwald M (Hrsg.): Jahrbuch der Karl und Veronica Carstens-Stiftung, Band 2 (1995). Stuttgart: Hippokrates, 1996: 54-64. > Abstract
  4. Friedman MH: Applied kinesiology - Double-blind study. In: prosthetic dentistry, 42, 1981, S.321.
  5. Garrow JS: Kinesiology and food allergy. In: BMJ 1988,296:1573.
  6. Lüdtke R, Kunz B, Seeber N, Ring J: Test-retest-reliability and validity of the Kinesiology muscle test. Complement Ther Med. 2001 Sep;9(3):141-5.
  7. EAV.de: Die Elektroakupunktur nach Voll > Abstract
  8. Lewith GT, Kenyon JN, Broomfield J, Prescott P, Goddard J, Holgate ST: Is electrodermal testing as effective as skin prick tests for diagnosing allergies? A double blind, randomised block de-sign study. BMJ. 2001 Jan 20;322(7279):131-4.
  9. Boytsov IV, Belousova TE: Interrelations between Electrodermal Activity and Internal Diseases. Fiziol Cheloveka, 2015, 41(6):104-13.
  10. Sancier KM: The effect of qigong on therapeutic balancing measured by Electroacupuncture Ac-cording to Voll (EAV): a preliminary study. Acupunct Electrother Res. 1994 Jun-Sep;19(2-3):119-27.
  11. Staehle HJ, Koch MJ, Pioch T: Double-blind study on materials testing with applied kinesiology. J Dent Res. 2005 Nov;84(11):1066-9.
  12. Pothmann R: Evaluation der klinisch angewandten Kinesiologie bei Nahrungsmittelunverträglich-keiten im Kindesalter. In: Forsch Komplementärmedizin Klass Naturheilk 2001;8:336-344.
  13. Gerez IF, Shek LP, Chng HH, Lee BW: Diagnostic tests for food allergy. Singapore Med J. 2010 Jan;51(1):4-9.
  14. Beyer K, Teuber SS: Food allergy diagnostics: scientific and unproven procedures. Curr Opin Aller-gy Clin Immunol. 2005 Jun;5(3):261-6.
  15. Europäischer Verband für Kinesiologie e.V. > Abstract
  16. Eardley S, Brien S, Little P, Prescott P, Lewith G. Professional kinesiology practice for chronic low back pain. Single-blind, randomised controlled pilot study. Forsch Komplementärmed 2013; 20: 180-188.
  17. Waxenegger I, Endler PC, Wulkersdorfer B, Spranger H: Waxenegger, I.: Der Einsatz des "kinesio-logischen" Muskeltests für die individuelle Vorhersage von Wirkung und Verträglichkeit einer therapeutischen Maßnahme - am Beispiel der Wirkung von Red Yeast Rice auf den Cholesterin-spiegel. Masterarbeit, Interuniversitäres Kolleg für Gesundheit und Entwicklung Graz / Schloss Seggau, 2007.
  18. Niklas A, Niklas C: Kinesiologie und Wissenschaft. > Abstract
  19. Walach H: The efficacy paradox in randomized controlled trials of CAM and elsewhere: beware of the placebo trap. J Altern Complement Med. 2001, 7(3):213-8.
  20. Walach H, Falkenberg T, Fønnebø V, Lewith G, Jonas WB: Circular instead of hierarchical: metho-dological principles for the evaluation of complex interventions. BMC Med Res Methodol. 2006 Jun 24;6:29.
  21. Walach H, Loef M: Using a matrix-analytical approach to synthesizing evidence solved incompati-bility problem in the hierarchy of evidence. Journal of Clinical Epidemiology, 68, 1251-1260.
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Jens Behnke
Dr. Jens Behnke
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Sind klassische Akupunkturpunkte klar von "Nicht-Akupunkturpunkten" zu unterscheiden? Diese spannende und unkonventionelle Arbeit versucht, diese Frage zu beantworten und bettet sie ein in die Geschichte der Akupunktur. [mehr]
 
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