Stand der Forschung: Veterinärhomöopathie

Analyse der vorhandenen Literatur
Bisher gibt es nur sehr wenige klinische Studien im Bereich Veterinärhomöopathie. Um herauszufinden, ob es Evidenz für eine Wirksamkeit der Homöopathie in der Veterinärmedizin gibt, hat sich die British Homeopathic Association das Ziel gesetzt, die gesamte veterinärmedizinische Literatur in der Homöopathie zu analysieren. Die Karl und Veronica Carstens-Stiftung ist an diesem Projekt beteiligt, und die ersten Artikel sind bereits veröffentlicht worden [1, 40, 41].

Übersichtsarbeit
Insgesamt konnten 150 Studien im Bereich Veterinärhomöopathie identifiziert werden. Von diesen wurden allein 88 in einer ersten Vorsortierung ausgesondert, da sie in nicht „peer reviewten“ Zeitschriften veröffentlicht worden waren. Der Prozess des „peer reviewens“ beschreibt, dass ein unveröffentlichtes Manuskript vor der Veröffentlichung von (in der Regel) anonymen Experten geprüft und bewertet wird. Dieser Vorgang soll der Qualitätssteigerung von Publikationen dienen.

Aus den verbleibenden 62 Studien wurden noch einmal 24 ausgesondert, weil sie entweder keine randomisierte oder kontrollierte Studie beschreiben oder weil es sich um zu kurze Veröffentlichungen handelt.

In den restlichen 38 randomisierten, kontrollierten, klinischen Studien sind sieben verschiedene Tiergruppen (Rinder, Hühner, Hunde, Schweine, Pferde, Ziegen und Schafe) mit 18 unterschiedlichen Diagnosen untersucht worden (siehe Tabellen 1 und 2). In 21 Studien ist ein therapeutischer Ansatz gewählt worden (Tabelle 1) gegenüber 17 Studien mit einer prophylaktischen Therapie (Tabelle 2). In fast allen Studien ist ein fixes homöopathisches Arzneimittel getestet worden (n = 35), und nur in drei Studien sind individuelle Arzneien untersucht worden. An drei der einbezogenen Studien (Referenzen [2], [3] und [4]) waren Mitarbeiter der Karl und Veronica Carstens-Stiftung beteiligt.

Die erste Veröffentlichung des BHA-Projekts [1] stellt nur die Rahmenbedingungen der einzelnen Studien dar und ist als Startveröffentlichung zu verstehen. Anschließende Veröffentlichungen (z.B. 40 und 41) bewerten die Qualität der Studien und die Wirksamkeit der einzelnen Arzneimittel detailliert nach Cochrane-Kriterien.

Tabelle 1: Veterinärmedizinische Homöopathiestudien mit therapeutischem Ansatz
 
Diagnose Tiergruppe Referenzen
Mastitis Rinder [5],[2],[6],[7],[8],[9],[10]
Zeckenbefall Rinder [11]
Durchfall Rinder [12],[13]
Fruchtbarkeitsstörungen Rinder [14]
Arthrose Hunde [15]
Scheinschwangerschaft Hunde [16]
Angst vor Lärm Hunde [17]
Wehenschwäche Schweine [18]
Puerperalsyndrom Schweine [4]
Durchfall Schweine [19]
Lahmheit Pferde [20]
Wurmbefall Schafe [21],[22]
Infektionskrankheiten Hühner [23]
 
 
Tabelle 2: Veterinärmedizinische Homöopathiestudien mit prophylaktischem Ansatz
 
Diagnose Tiergruppe Referenzen
Endometritis Rinder [24]
Anoestrus Rinder [25],[26]
Stress Rinder [27]
Immunmodulation Rinder [28]
Zeckenbefall Rinder [29]
Fruchtbarkeitsstörungen Rinder [30]
Endometritis Hunde [31]
Infektionskrankheiten Schweine [3]
Durchfall Schweine [32]
Wachstumsförderung Schweine [33],[34]
Fortpflanzungsförderung Schweine [35]
Immunmodulation Ziegen [36]
Stress Pferde [37]
Wachstumsförderung Hühner [38],[39]

Erste Analyse
Die zweite Veröffentlichung [40] analysiert die interne Validität von 18 klinischen Therapie- und Prophylaxestudien. Es wurden nur placebokontrollierte Studien einbezogen aus Journalen mit implementiertem Gutachtersystem ("peer reviewed"). Es wurden sowohl Studien mit Behandlungen nach Art und Weise der klassischen Homöopathie einbezogen, als auch jene mit fixer Standardmedikation (Einzelmittel, Komplexmittel, Isopathie, Homotoxikologie). Nur drei [5,17,32] der 18 Studien waren qualitativ so hochwertig, dass sie eine zuverlässige Bewertung der Ergebnisse erlaubten. Bei zwei dieser Studien gab es keinen signifikanten Unterschied zwischen Placebogruppe und Behandlungsgruppe [5,17]. Bei der dritten Studie [32] fand sich ein solcher Unterschied, aber die Aussagekraft der Studie wurde durch andere Mängel eingeschränkt. Zu keiner Indikation gab es mehr als eine Studie, die gleichzeitig von zuverlässiger Qualität war und mit derselben Tierart durchgeführt worden war, so dass eine indikationsbezogene Meta-Analyse der Ergebnisse nicht möglich war. Die Datengrundlage der existierenden, placebokontrollierten Studien zur Beantwortung der Frage, ob Homöopathie bei Tieren wirkt, ist als unzureichend zu bewerten.

Aufbauend auf der oben zusammengefassten, ersten systematischen Übersichtsarbeit [40], wurde eine globale Meta-Analyse der 18 Studien durchgeführt [41], da eine indikationsbezogene Meta-Analyse aufgrund der geringen Anzahl an Studien nicht möglich war [40]. Die Studien waren in drei Klassen hoher, unklarer und niedriger Qualität ("risk of bias") eingeteilt worden [40] und wurden zusammenfassend analysiert [41]. Neben der Tatsache, dass ein Großteil der Studien von außerordentlich schlechter Qualität war, fiel auch die unausgewogene Interpretation der Ergebnisse der Studien seitens der Originalautoren ins Auge: Der WHO-Hierarchie entsprechende Hauptzielparameter lieferten in der Meta-Analyse nur in sechs der 18 Studien Ergebnisse, die einen signifikanten Unterschied zwischen Placebo und Homöopathie zugunsten der Homöopathie zeigten (33%). Dies stand im krassen Gegensatz zu den Schlussfolgerungen der Originalautoren: In elf der analysierten Studien (63%) haben die Originalautoren Zielparameter mit für die Homöopathie positivem Ergebnis hervorgehoben und konstatierten insgesamt einen positiven Behandlungseffekt. Aufgrund der schlechten Qualität der Originalarbeiten liefert die Meta-Analyse keine verlässlichen Daten. Es gibt keine guten Hinweise, dass eine homöopathische Behandlung bei Tieren einen besseren Behandlungserfolg liefert als eine Placebobehandlung.

Zweite Analyse
Die vierte Veröffentlichung analysiert die interne Validität von 20 klinischen Therapie- und Prophylaxestudien. Es wurden nur Studien ohne Placebokontrollgruppen einbezogen aus Journalen mit implementiertem Gutachtersystem ("peer reviewed"). Bei den Kontrollgruppen wurde zwischen Standardkontrollen und unbehandelten Kontrollgruppen unterschieden. Es wurden sowohl Studien mit Behandlungen nach Art und Weise der klassischen Homöopathie einbezogen, als auch jene mit fixer Standardmedikation (Einzelmittel, Komplexmittel, Isopathie, Homotoxikologie). Sechzehn Studien waren von sehr schlechter Qualität, bei den vier verbliebenen Studen war die Qualität nicht komplett einschätzbar aufgrund fehlender Informationen, aber tendenziell war auch hier die Qualität schlecht. Die untersuchten Studien liefern keine guten Hinweise dafür, dass eine homöopathische Behandlung bei Tieren in einem besseren Behandlungserfolg resultiert als eine konventionelle Standardbehandlung. Ebenso verhält es sich beim Vergleich mit unbehandelten Kontrollgruppen (RT Mathie, J Clausen. Veterinary homeopathy: Systematic review of medical conditions studied by randomised trials controlled by other than placebo. BMC Veterinary Research 2015, 11:236).

Zusammenfassung
Insgesamt liefert diese nach Kriterien der evidenzbasierzen Medizin durchgeführte Analyse der kontrollierten und randomisierten klinischen Studien der Veterinärhomöopathie keine schlagkräftigen Argumente zugunsten der Veterinärhomöopathie. Die schlechte Qualität der Mehrzahl der Studien beruht dabei nicht unbedingt auf Mutwilligkeit seitens der Autoren, sondern hängt bei älteren Publikationen auch damit zusammen, dass früher die Anforderungen an eine klinische Studie noch nicht so hoch waren, wie sie es heute sind.
Diese Analyse umfasst naturgemäß weder die Studien aus Zeitschriften ohne implementiertes Gutachtersystem ("non-peer reviewed") noch die zahlreichen Fallberichte und Fallserien, die bis dato veröffentlicht worden sind. Ihr Wert wird in der evidenzbasierten Medizin als gering eingeschätzt, ihre Einbeziehung hätte aber möglicherweise ein anderes Endergebnis geliefert.


Stand: Dezember 2014

Referenzen
Die gesamte Übersicht der Referenzen (PDF, 272 kB).
 
Literatur
  1. Robert T. Mathie, Daniela Hacke, Jürgen Clausen. Randomised controlled trials of veterinary homeopathy: Characterising the peer-reviewed research literature for systematic review. Homeopathy 2012 Vol 101(4): 196-203 > Abstract
 
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Dr. Jürgen Clausen
Fachbereich Wissenschaftliche Recherche und Forschung
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Für den Leitfaden hat Dr. med. vet. Achim Schütte den Erfahrungsschatz aus rund 50 Betrieben ausgewertet, die Homöopathie erfolgreich in der Tiermast einsetzten. Mit theoretischem Grundlagen- und Praxisteil. [mehr]
 
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