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Pflanzliche Hilfe gegen das Vergessen

Heilkräuter als sinnvolle Ergänzung der Demenz-Therapie
Mit zunehmender Lebenserwartung der Gesellschaft weltweit steigt auch die Anzahl der an Demenz erkrankten Patienten kontinuierlich an. Für das Jahr 2050 wird laut des Demenz-Reports des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung von 2011 eine Zahl von 2,6 Mio. demenzkranken Bürgern in Deutschland prognostiziert. [1] Die bisher in der Demenz-Therapie eingesetzten medikamentösen Ansätze (wie z.B. der Wirkstoff Memanin) erweisen sich als nicht befriedigend. [2]
Umso mehr besteht der Bedarf an ergänzenden Maßnahmen wie nichtmedikamentöse Therapieverfahren oder natürlichen Wirkstoffen aus der Pflanzenwelt, die den Verlauf der irreversiblen Demenzerkrankung zumindest positiv beeinflussen und unterstützend auf die Krankheitssymptomatik wirken.
 
Unter den 60 Formen der Demenzerkrankungen treten die neurodegenerative Demenz, insbesondere die Alzheimer-Demenz sowie vaskuläre Demenzen am häufigsten ab einem Alter von 65 Jahren auf. Sie sind nicht heilbar, müssen aber dennoch behandelt werde. Welche Heilpflanzen bisher wissenschaftlich untersucht worden sind und ob sie sich als ergänzende Maßnahme in der Therapie von Alzheimer-Demenz und vaskulärer Demenz eignen, wird im folgenden Überblick, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, dargestellt.

Zu Ginkgo biloba, insbesondere dem standardisierte Extrakt EGb 761, liegen mittlerweile eine Reihe von Forschungsergebnissen vor. In einem systematischen Review, durchgeführt durch ein Kölner Forscherteam des IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen), wird dem Ginkgo-Extrakt EGb 761 in einer Hochdosis von 240 mg einen Nutzen hinsichtlich der Aktivitäten des täglichen Lebens attestiert sowie auf eine Tendenz einer Wirkung auf die kognitive Leistung und begleitende Psychopathologien der Demenz hingewiesen. [3] Die jüngste Version der derzeit revidierten S3-Leitlinie „Demenzen“ stellt eine Erwägung der Behandlung mit Ginkgo biloba bei leichter bis mittelgradiger Alzheimer-Demenz oder vaskuläre Demenz sowie nicht –psychotischen Verhaltenssymptomen in Aussicht. [4] Für einen präventiven Nutzen von Ginkgo biloba existieren bisher jedoch leider noch nicht ausreichend überzeugende Belege. [5]
 
Auch Salbei, vor allem die beiden Arten Salvia officinals (Echter Salbei) und Salvia lavendulaefolia (Spanischer Salbei) könnten sich als unterstützend bei leichter bis moderater Alzheimer-Erkrankung erweisen.  Das Heilkraut wurde bereits in der traditionellen Medizin eingesetzt, um das Gedächtnis zu verbessern. Eine systematische Auswertung von acht Studien, die sowohl mit gesunden Probanden als auch mit Alzheimerpatienten bzw. Patienten mit schwacher bzw. moderater Demenz durchgeführt worden waren, schreibt den beiden o.g. Salbeiarten eine vielversprechende Wirkung hinsichtlich der kognitiven Leistungsfähigkeit der Studienteilnehmer zu. [6]
 
Der besonders im asiatischen Raum verbreitete Ginseng, allen voran der Rote Ginseng, der einen besonders hohen Anteil an wertvollen Ginsenosiden aufweist, steht wegen seiner potenziellen neuroprotektiven Eigenschaften ebenfalls im Fokus der Alzheimer-Forschung. Bei längerer Einnahme (3 Monate und länger) der zermahlenen Wurzeln des Weißen oder Roten Ginseng zeigte sich bei  Patienten mit einer Alzheimer-Erkrankung eine signifikante Verbesserung ihrer kognitiven Leistungen. [7]
 
Eher unbekannt ist, dass Gewürzpflanzen wie Curcuma (Curcuma aromatica) und Safran (Crocus sativus) ebenfalls ein Potenzial für die begleitende Behandlung von Demenzerkrankungen zeigen könnten. In Laborversuchen hemmte Curcuma die Anhäufung von Beta-Amyloid- und Tau-Proteinen in Neuronen, ein zentrales Phänomen im Rahmen der Alzheimer-Krankheit. Bisher konnte diese Beobachtung jedoch noch nicht überzeugend in klinischen Untersuchungen verifiziert werden [8, 9], jedoch sind Tendenzen vorhanden, dass Curcuma zumindest den kognitiven Verfall positiv beeinflussen kann.
Nicht überlegen, aber zumindest ebenso wirksam wie ein bei Alzheimer-Erkrankungen häufig eingesetzter Standardwirkstoff (Memantin), zeigte sich Safran (Crocus sativus) in einer Doppelblindstudie. (8) Zu weiteren Gewürzpflanzen wie Zimt, Ingwer, Rosmarin, Chinesischem Sellerie liegen bisher lediglich Erkenntnisse aus der experimentellen Forschung im Kontext mit Alzheimer vor.
 
Relativ jung ist die Forschung zu Huperzin A, einem Alkaloid der Pflanze Huperzia serrata (Qian Ceng Ta). In China schon lang als Arzneimittel im Rahmen der Traditionellen Chinesischen Medizin erhältlich, beginnt man sich in der westlichen Welt zunehmend für das Bärlappgewächs zu interessieren, vornehmlich vor dem Hintergrund der Behandlung der Alzheimer-Erkrankung. Wissenschaftler resümierten in einer Auswertung von Studienergebnissen zur Alzheimertherapie mit dem Alkaloid, dass Huperzin A ein gut verträglicher Wirkstoff zur Verbesserung der kognitiven Leistung von Alzheimer-Demenz und vaskulärer Demenz sei. [10]
 
Interessante Forschungsergebnisse zur Prävention von Demenzerkrankungen offenbart eine japanische Studie zu grünem Tee. [11] Im Rahmen der Langzeitstudie wurden die Daten von 723 Teilnehmern, die zum Startpunkt 60 Jahre alt waren, ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass das Risiko für Teilnehmer, die regelmäßig grünen Tee tranken, geringer war als für die Kaffee- und Schwarzteetrinker. Die Wissenschaftler vermuten, dass Katechine wie Epigallocatechin-3-Gallat im grünen Tee für diesen Effekt verantwortlich sind. Beim schwarzen Tee werden diese Inhaltsstoffe bei der Fermentation zerstört.
 
Weiterhin existieren interessante Forschungsansätze zu Pflanzen der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und der ayurvedischen Heilkunst, leider bisher vornehmlich nur auf experimenteller Ebene. Neben Engelwurz (Angelica sinensis) sind Pflanzen wie die Rote Baumpfingstrose (Paeonia suffruticose), Brahmi (Bacopa monniera) sowie das Wassernabelkraut „Gotu Kola“ (Centella asiatica) zu nennen. Für eine Praxisrelevanz in der Behandlung von Alzheimer-Erkrankungen stehen jedoch noch klinische Untersuchungen aus.
 
Bisher noch Zukunftsmusik, aber durchaus überlegenswert ist der Einsatz des Rosenwurz (Rhodiola rosea) bei Demenz-Erkrankungen. Eine aktuelle Übersichtsarbeit liefert einen Überblick über die Forschung zu den neuro-protektiven Effekten der Heilpflanze, deren Potenzial vor allem auf den Gebieten anti-oxidativer und anti-entzündlicher Aktivität zu suchen ist. [12] Im Rosenwurz enthaltene Inhaltsstoffe wie Rosarin, Salidrosid und oligomere Proanthocyadinine haben sich in Laborversuchen bereits als erfolgreich im Schutz der Neuronen vor oxidativem Stress und excitotoxischen Prozessen, die zum Absterben des Neurons führen können, erwiesen. Ob diese Effekte gegen neurodegenerative Prozesse wie bei Alzheimer-Erkrankungen beobachtbar in klinischen Studien am Menschen verifiziert werden können, wird sich erst noch zeigen müssen.

Einschätzung:
Unter Berücksichtigung der jeweiligen Demenzform kann eine begleitende Therapie mit pflanzlichen Mitteln versucht werden. Vor allem vor dem Hintergrund enttäuschender Wirkprofile gängiger Medikamente in der Alzheimer-Therapie, die zudem teils starke Nebenwirkungen verursachen, erscheint eine Behandlung mit gut verträglichen Heilpflanzenpräparaten zur Verbesserung der Symptomatik sowie Verzögerung der neurodegenerativen Prozesse überlegenswert. Welches pflanzliche Mittel sich am besten wann eignet, kann pauschal nicht gesagt werden, da es auf die Diagnose ankommt. Auch ist fraglich, ob eine Therapie mit Heilpflanzen-Präparaten mit dem Ziel der Neuroprotektion bei schwerer degenerativer Alzheimer-Erkrankung noch sinnvoll ist. Hier können höchstens begleitende Symptome wie Angst, Depression und Unruhe pflanzlich behandelt werden.

Zu den meisten der genannten Heilpflanzen sind Präparate in deutschen Apotheken oder im Online-Handel erhältlich. Pflanzliche Zubereitungen der TCM und der ayurvedischen Heilkunst sind leider nur in speziellen Apotheken zu bekommen.

Was man begleitend noch zur Vorbeugung und Selbsthilfe bei Demenzerkrankungen tun kann, kann im Ratgeber "Was tun bei… Demenz" nachgelesen werden.
 
Literatur
  1. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Demenz-Report. Wie sich die Regionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf die Alterung der Gesellschaft vorbereiten können. 1. Aufl. Berlin, 2011 > Abstract
  2. Schneider LS, Dagerman KS, Higgins JPT, McShane R. Lack of evidence for the efficacy of memantine in mild Alzheimer disease. Arch Neurol 2011; 68(8): 991-998 > Abstract
  3. Janßen IM, Sturtz S, Skipka G, Zentner A, Garrido MV, Busse R. Ginkgo biloba in Alzheimer’s disease: a systematic review. Wien Med Wochenschr 2010; 160(21-22): 539-546 > Abstract
  4. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) [Hrsg.]. S3-Leitlinie „Demenzen“ (Langversion – 1. Revision, August 2015), S. 65 > Abstract
  5. Miroddi M, Navarra M, Quattropani MC, Calapai F, Gangemi S, Calapai G. Systematic review of clinical trials assessing pharmacological properties of Salvia species on memory, cognitive impairment and Alzheimer’s disease. CNS Neurosci Ther 2014; 20: 485-495 > Abstract
  6. Cho I-H. Effects of Panax ginseng in neurodegenerative diseases. J Ginseng Res 2012; 36(4): 342-353 > Abstract
  7. Rainey-Smith SR, Brown BM, Sohrabi HR, Shah T, Goozee KG, Gupta VB, Martins RN. Curcumin and cognition: a randomized, placebo-controlled, double-blind study of community-dwelling older adults. Brit J Nutrition 2016; 115(12): 2106-2113 > Abstract
  8. Ringman JM, Frautschy SA, Teng E, Begum AN, Bardens J, Beigi M, Gylys KH, Badmaev V, Heath DD, Apostolova LG, Porter V, Vanek Z, Marshall GA, Hellemann G, Sugar C, Masterman DL, Montine TJ, Cummings JL, Cole GM. Oral curcumin for Alzheimer’s disease: tolerability and efficacy in a 24-week randomized, double blind, placebo-controlled study. Alzheim Res Ther 2012; 4: 43 > Abstract
  9. Farokhnia M, Sabet MS, Iranpour N, Gougol A, Yekehtaz H, Alimardani R, Farsad F, Kamalipour M, Akhondzadeh S. Comparing the efficacy and safety of Crocus sativus L. with memantine in patients with moderate to severe Alzheimer’s disease: a double-blind randomized clinical trial. Human Psychopharmacol 2014; 29: 351-359 > Abstract
  10. Xing S-H, Zhu C-X, Zhang R, An L. Huperzine A in the treatment of Alzheimer’s disease and vascular dementia: a meta-analysis. Evidence-Based Complement Altern Med 2014; Article ID 363985 > Abstract
  11. Noguchi-Shinohara M, Yuki S, Dohmoto C, Ikeda Y, Samuraki M, Iwasa K, Yokogawa M, Asai K, Komai K, Nakamura H, Yamada M. Consumption of green tea, but not black tea or coffee, is associated with reduced risk of cognitive decline. PLoS One 2014; 9(5): e96013 > Abstract
  12. Nabavi SF, Braidy N, Orhan IE, Badiee A, Daglia M, Nabavi SM. Rhodiola rosea L. and Alzheimer’s disease: from farm to pharmacy. Phytother Res 2016; 30(4): 532-539 > Abstract
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Daniela Hacke, M.A.
Fachbereich Informationsbeschaffung und Wissensmanagement
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Die Demenzforschung kommt zu immer neuen Erkenntnissen, die Hoffnung machen. Nachgewiesen ist z. B., dass es einen Zusammenhang zahlreicher Lebensstilfaktoren mit der Entstehung einer Demenz gibt. Und auch bei bereits erkrankten Menschen können naturheilkundliche Maßnahmen den Lebensstil verbessern und Symptome lindern: Der kompakte Ratgeber aus dem KVC Verlag für nur 5 Euro 90. [mehr]
Martin Loef hat in seiner empirischen Doktorarbeit die vielfältigen Dimensionen des Lebensstils und ihre Auswirkungen auf die Demenz untersucht. Durch sorgfältige Auswertungen der Determinanten kommt er dabei einem lebensstilbasierten Programm zur Vorbeugung sehr nahe. [mehr]
 
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