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16.09.2016

Pflanzliche Antibiotika bei Infekten & Co

Eine wirksame Alternative aus der Phytotherapie
Ganz ohne Antibiotika geht es nicht. Trotzdem ist diese Zahl erschreckend: Rund 3000 Tonnen Antibiotika schlucken die Deutschen pro Jahr. Doch häufig helfen die künstlichen Bakterienkiller nicht mehr, denn immer mehr Keime werden durch den leichtfertigen und in vielen Fällen auch unnötigen Einsatz von Antibiotika immun gegen die so genannte „Wunderwaffe“ der Schulmedizin. Das ist auch der Grund, warum jedes Jahr Hunderttausende in Krankenhäusern an Infekten sterben, die durch antibiotikaresistente Keime verursacht werden, und die Zahl der resistenten Bakterien nimmt stetig zu. Die Wissenschaftler forschen weltweit nach Alternativen und finden diese in der Natur.
 
Antibiotika aus Pflanzen können in vielen Fällen eine sinnvolle Alternative zu den herkömmlichen antibakteriellen Mitteln sein. Heilpflanzen und Heilkräuter mit antibiotischer (das heißt keimabtötender) Wirkung besitzen pharmakologisch hochwirksame Substanzen, wie zum Beispiel ätherische Öle, Gerbstoffe, Bitterstoffe oder Flavonoide, die die Vermehrung von Bakterien und Mikroorganismen hemmen oder sogar zerstören. Die Pflanzen brauchen diese Schutzstoffe vor allem, wenn Fressfeinde Wunden hinterlassen. Ohne Abwehrstoffe wären die Wunden offene Einfallstore für Mikroben. Aber auch gegen Pilze und Viren können sich die Pflanzen auf diese Weise wirkungsvoll schützen. Im Gegensatz zum klassischen Antibiotikum konnten bei den pflanzlichen Alternativen bisher keine Resistenzen nachgewiesen werden. Die grundsätzliche Wirkung konnte jedoch in Studien belegt werden.  Die Naturmedizin wendet antibiotisch wirksame Arzneipflanzen unter anderem bei Atemwegs- und Harnwegsinfekten, Magen-Darm-Beschwerden, Haut- und Pilzerkrankungen sowie zur Steigerung der Immunabwehr an. Bei Atemwegs- und Harnwegsinfektionen wirken zum Beispiel die Senföle aus Kapuzinerkresse und Meerrettich besonders gut. Die ätherischen Öle von Oregano und Thymian wirken besonders in der Lunge und im Verdauungssystem, Kamille und Salbei-Zubereitungen zur Mundspülung bekämpfen Bakterien im Mund- und Rachenraum.
 
Wirkungsweise der pflanzlichen Antibiotika
Die Wirkung von Arzneipflanzen mit antibiotischen Eigenschaften ist vielfältig. Alle Kreuzblütler (z. B. Meerrettich, Brokkoli, Kohl) und fast alle Liliengewächse (z. B. Knoblauch, Aloe vera) beinhalten stark antibiotisch wirksame Stoffe. Diese hemmen oder töten nicht nur Bakterien, sondern auch Viren und Pilze. Im Gegensatz zu vielen Präparaten, die lediglich die Beschwerden lindern, wirken die Arzneipflanzen damit direkt gegen die krankheitsverursachenden Erreger und hemmen diese in ihrem Wachstum. Dabei ist nicht ein einzelner Inhaltsstoff für die Wirkung der Pflanze verantwortlich, sondern immer das Zusammenspiel vieler, teils auch noch unerforschter Stoffe, das uns bei bestimmten Erkrankungen hilft. Daher kann die exakte Wirkungsweise einer Pflanze nicht immer wissenschaftlich bis ins letzte erklärt und nachgewiesen werden.
 
Im Folgenden sollen beispielhaft einige pflanzliche Antibiotika aufgezeigt werden, deren Wirkung wissenschaftlich zum Teil nachgewiesen werden konnte.
 
 
Atemwegs- und Erkältungskrankheiten
 
Thymian
Wissenschaftler wiesen die keimtötende Wirkung von Thymian in einer Versuchsreihe mit Streptococcus pyogenes nach. Diese Bakterien sind Hauptverursacher von Mandelentzündungen. Durch die Zugabe von Thymian verringerte sich ihre Zahl drastisch. Der Effekt ist nahezu vergleichbar mit dem eines Antibiotikums wie Amoxicillin. In einer weiteren Studie fanden Forscher heraus, dass Mundspülungen, die Thymian enthielten, ebenfalls die Zahl der schädlichen Bakterien stark dezimieren und so Entzündungen der Mundschleimhaut und des Zahnfleisches lindern. Auch bei Bronchitis, Husten, fieberhaften Infekten und Grippe kann Thymian helfen: Das ätherische Öl des Thymians löst sogar festsitzenden Schleim in den Atemwegen, wirkt schmerzstillend, entzündungshemmend, krampflösend und schweißtreibend. Thymian gibt es in unterschiedlichen Darreichungsformen: als Öl, Körperöl, Pastillen, Saft, Tropfen, Erkältungsbad, Salbe oder Tee. 
 
 
Echinacea (Sonnenhut)
Die Inhaltsstoffe der Wurzel wirken nachweislich gegen Entzündungen, Bakterien und Viren, weswegen die Wurzel zur Vorbeugung und Behandlung einer „gewöhnlichen“ Erkältung eingesetzt werden kann. In der Studie stellte sich ein Echinacea/Salbei-Spray bei akuten Halsschmerzen als genauso wirksam und verträglich heraus wie ein schulmedizinisches Spray. Die Symptome der Halsentzündung wurden deutlich reduziert. Am wirksamsten ist das frische Kraut der Pflanze, das sehr gut bei Infekten verabreicht werden kann. Übergießen Sie hierzu 2 Esslöffel (circa 4,0 g) gereinigtes und geschnittenes Sonnenhutkraut mit einer 1 großen Tasse (250 ml) siedend heißem Wasser und lassen den Tee 10 Minuten zugedeckt ziehen. Sieben Sie das Kraut anschließend ab. Sonnenhutkraut-Extrakte sind als Fertigarzneimittel in Form von Presssaft, Tropfen, Lösungen, Tabletten, Lutschtabletten und Salben erhältlich.
 
Hauterkrankungen
 
Teebaumöl
Teebaumöl wirkt aufgrund seiner ätherische Öle, die einen hohen Anteil an Terpenen aufweisen effizient gegen Viren, Bakterien und Pilze. Seine Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig: äußerlich bei Akne, entzündeten Hautstellen, Herpes, Fuß- und Nagelpilzen, bei bakteriellen und viralen Atemwegsinfektionen als Spül- sowie Gurgellösung. Die Hauptstoffe des Teebaumöls weisen entzündungshemmende, wundheilende, desinfizierende und pilztötende Eigenschaften auf. Studien zeigen, dass Teebaumöl gegen eine Reihe von Bakterien wirksam ist. Anwendung: 100% reines Teebaumöl sollte nur verdünnt auf Wunden, Abszesse, Akne, Geschwüre, Herpes oder Insektenstiche aufgetragen werden. Achtung: Bevor Sie Teebaumöl äußerlich anwenden, sollten Sie einen Allergietest durchführen: Geben Sie einen Tropfen Öl auf den Handrücken oder in den Ellenbogen und massieren Sie diesen ein. Wenn sich nach ein bis zwei Stunden keine roten Stellen sichtbar werden, können Sie die entsprechende Behandlung durchführen.
 
 
Blasen- und Harnwegsentzündung
 
Kapuzinerkresse und Meerrettich
Klinische Studien bestätigen die antibakterielle Wirksamkeit einer Kombination aus Kapuzinerkresse und Meerrettich bei Sinusitis, Bronchitis oder Blasenentzündung. Bei leichten und mittelschweren Harnwegsinfekten wirkt die Behandlung mit Senfölen aus Kapuzinerkresse und Meerrettich so gut wie herkömmliche Antibiotika. Eine Studie am Universitätsklinikum Freiburg hat gezeigt, dass Senfölglykoside aus Kapuzinerkressenkraut und Meerrettichwurzel gegen 13 Bakterienarten eine ausgeprägte keimhemmende Wirkung entfalten, sogar gegen den „Problemkeim“ MRSA. Dieser gilt als multiresistent und verursacht jährlich viele tausend Todesfälle in Europa.

Quellen für weitere antimikrobielle Wirkstoffe sind zum Beispiel Garten und Brunnenkresse, Senf, Rettich (schwarzer und weißer Rettich, Meerrettich, Radieschen) Rucola, bittere Schleifenblume, Kohl (Kohlrabi, Brokkoli, Rosen-, Grün-, Weiß- und Blumenkohl), Zwiebeln, Knoblauch und Bärlauch.
 
Fazit
Das Haupteinsatzspektrum von pflanzlichen Antibiotika sind leichte bis mittelschwere
Infekte, vor allem akute Infekte der oberen und unteren Atemwege oder bei der beginnenden Blasenentzündung. Da pflanzliche Arzneimittel meist weniger Nebenwirkungen verursachen, eignen sie sich oft als sinnvolle Ergänzung oder unter bestimmten Voraussetzungen als nebenwirkungsarme Alternative zu synthetischen Präparaten. Ob es sinnvoll ist, im Krankheitsfall (zunächst) auf pflanzliche Mittel zurückzugreifen, muss im Einzelfall (ggf. im Gespräch mit einem Arzt) entschieden werden. Auch sollte bei der Verwendung von pflanzlichen Mitteln immer unbedingt auf die Qualität und therapeutisch wirksame Dosierung geachtet werden. Fragen Sie hierzu Ihren Arzt oder lassen Sie sich in der Apotheke beraten. Grundsätzlich ist bei leichten bis mittelschweren Infektionen ein Versuch mit natürlichen Stoffen lohnenswert. Gerade auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass viele alltägliche Infektionen eine virale Ursache haben, bei denen herkömmliche Antibiotika wirkungslos sind – viele Pflanzen jedoch sowohl über antibiotische, als auch antivirale Eigenschaften verfügen. Ein weiterer Vorteil ist, dass die pflanzlichen Inhaltsstoffe unsere nützlichen Darmbakterien nicht zerstören, sondern schützen, was das Immunsystem stärkt und die Infektanfälligkeit verringert. Trotz dieser Vorteile werden die Heilpflanzen die herkömmlichen Antibiotika nicht ersetzen. Bei gefährlichen Infektionen sind sie weiter unverzichtbar. Aber wenn bei leichten Infekten weniger konventionelle Antibiotika unnötig verschrieben werden, steigt die Chance, lebensgefährliche Infektionen wie die gefährlichen Krankenhauskeime in den Griff zu bekommen, weil weniger Erreger Resistenzen bilden können.

Den ausführlichen Kompass Komplementärmedizin (KoKo) mit dem aktuellen Forschungsstand zu pflanzlichen Antibiotika finden Sie in der Ausgabe 4 /2016 der Mitgliederzeitschrift von Natur und Medizin.
 
 
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Karen Hoffschulte
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