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Nicht-medikamentöse Behandlung psychischer Symptome bei Demenz-Patienten

Psychosen, Unruhe und aggressives Verhalten sind bei Demenzpatienten keine Seltenheit. Zur Beruhigung werden ihnen allzu häufig Antipsychotika und andere psychotrope Medikamente verabreicht. Eine dänische Studie deckte auf, dass von rund 35000 Patienten jeder vierte sogar mehr als zwei psychotrope Medikamente erhielt. [1] Dabei verfestigt sich derzeit immer mehr die Erkenntnis, dass der Schaden einer medikamentösen Ruhigstellung unruhiger bzw. aggressiver Demenzpatienten den Nutzen bei weitem übersteigt, wie beispielsweise eine retrospektive Fallkontrollstudie mit 45000 Demenzpatienten aus dem letzten Jahr zeigt. [1] Im Vergleich mit der nicht behandelten Kontrollgruppe stieg das Sterberisiko der Patienten unter Antipsychotika über einen Beobachtungszeitraum von 180 Tagen erheblich an. Zudem sind viele der älteren Patienten mit dementieller Erkrankung multimorbid, was heißt, dass sie mehrere Medikamente parallel zu den psychotropen Mitteln, einnehmen müssen. Hinsichtlich der drohenden Wechselwirkungen mit anderen Mitteln sowie der Risiken der oft unangemessenen psychoaktiven Medikamente ist der Stand der Forschung jedoch noch ungenügend, und obwohl die Evidenzlage zu vielen psychotropen Mitteln eher ungenügend ausfällt, ist die regelmäßige Einnahme zumindest bei selbständig lebenden Patienten mit einer leichten bis moderaten Demenzerkrankung sehr verbreitet. [3]
 
Die derzeitige Studienlage zum Einsatz psychotroper Medikamente bei Demenzpatienten liefert demnach genügend Gründe umzudenken und eine Integration nicht-medikamentöser Ansätze in die Pflege demenzkranker Patienten mit agitiertem oder aggressivem Verhalten, Psychosen sowie anderen psychischen Auffälligkeiten anzustreben. Mittlerweile können Pflegende auf ein reichhaltiges Repertoire an Methoden zurückgreifen, zu denen Erkenntnisse aus der klinischen Forschung vorliegen. Der folgende Überblick listet eine Auswahl an therapeutischen Ansätzen auf, erhebt aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
 
Erinnerungen wecken mit Musik
Der Einsatz musiktherapeutischer Maßnahmen hat sich mittlerweile in vielen Pflege- und Seniorenheimen etabliert, um älteren Menschen mit beginnender oder moderater Demenz zu mehr psychischem Wohlbefinden zu verhelfen, ihre Unruhe und Angstzustände zu lindern, was letztendlich auch Einschlafstörungen und nächtlicher Unruhe zugutekommen und helfen kann, psychotrope Medikamente einzusparen. Insbesondere in der Gruppe zeigt die Musiktherapie, bei der den Patienten oft auch Lieder aus ihrer Vergangenheit vorgespielt bzw. gemeinsam gesungen werden, vielversprechende Erfolge, wie eine Übersichtsarbeit zeigt. [4] Bisher spiegelt sich diese Tatsache jedoch noch wenig in den Curricula der Ausbildung von Pflegekräften und Seniorenbetreuern wieder. Dabei hat Musik das Potenzial, nicht nur Langzeiterinnerungen in den Demenzkranken zu wecken, sondern sie so auch emotional zu aktivieren und agitierten Depressionen entgegenzuwirken, wie Studien zeigen. [5] Auch individuelle Einzeltherapie mit Hilfe von individuell abgestimmter Musik kann zu einer Verbesserung der psychischen Verfassung des Demenzpatienten führen.[6] Hinsichtlich der Anwendung der Musiktherapie im Alltagsgeschehen sind jedoch einige Details zu beachten: Geschultes Pflegepersonal bzw. Musiktherapeuten, Berücksichtigung individueller Wünsche der Patienten und letztendlich auch die Beachtung der Tatsache, dass das Gehör vieler älterer Menschen beeinträchtigt ist, sind für eine erfolgreiche Therapie unerlässlich.
 
Düfte beruhigen die Psyche
Auch Aromatherapie kann zu einer Beruhigung psychischer Symptome wie Angst, Depressionen und daraus resultierenden Phänomenen wie Schlaflosigkeit und nächtlicher Unruhe („Wandering“) beitragen. Im Allgemeinen werden die Düfte der verwendeten essenziellen Aromaöle über olfaktorischem Wege aufgenommen und wirken sich über den Hypothalamus, der „Steuerzentrale“, regulativ auf Körper und Psyche gleichermaßen aus. Involviert in den Prozess der Regulation von Emotionen und Motivation, aber auch körperlicher Aktivitäten sind auch das autonome Nervensystem und das neuroendokrine System. Studien zeigen insbesondere für essenzielle Öle aus der Melisse und des Lavendels positive Auswirkungen auf das Verhalten und der psychischen Auffälligkeiten demenzkranker Patienten. [7] Die Applikationsformen der Düfte können variieren: Sie können durch direkte Inhalation, Beduftung ganzer Räumlichkeiten oder durch Einmassieren in die Haut aufgenommen werden. Wie die letztgenannte Applikationsform bereits suggeriert, bietet sich die Verwendung der Aromatherapie in Kombination mit anderen Verfahren wie beispielsweise der Handmassage oder aber Akupressur an. Untersuchungen konnten bisher aber noch keine überzeugenden Ergebnisse liefern, ob eine Kombination essenzieller Duftöle mit anderen Verfahren wie Massage oder Akupressur eine bessere Wirkung entfalten als eine alleinige Verwendung der Aromatherapie. [8,9]
 
Mit Berührung, Akupressur und Massage gegen Angst und Depression
Therapien, die mit Berührungen arbeiten, ob diese nun aus kurzen, tröstlichen Berührungen, Hand- oder Fußmassagen oder leichten Druckberührungen an bestimmten Meridianpunkten wie bei der Akupressur bestehen, können ebenfalls angstlösend und beruhigend wirken. Zum einen wird hier das Prinzip der Zuwendung über die direkte, therapeutische Berührung des Demenzpatienten bedient, zum anderen eignen sich diese Verfahren bestens für Patienten, die argwöhnisch auf neue, unbekannte Therapien reagieren. Die angewandten manuellen Verfahren ähneln Alltagsprozessen, die den Patienten bekannt sind, wie Händewaschen, -kneten und –reiben, so dass Gefühle der Überforderung und des Kontrollverlusts minimiert werden. Eine Überblicksarbeit attestiert Massageanwendungen sowie Berührungen eine positive Wirkung bei demenzspezifischen Symptomen wie Angst, agitiertem Verhalten und Depression. [10] In einer Studie, die Ohrakupressur mit einer Massageanwendung verglich, erzielte die Ohrakupressur gar ein besseres Ergebnis hinsichtlich depressiver Symptome. [11] Regelmäßige Berührungen an Hals und Schultern konnten in einer Studie die Ruhelosigkeit sowie Stressparameter wie die basalen Cortisolwerte der Demenzpatienten signifikant verbessern. [12] Ob sich diese taktilen Therapien für den einzelnen Patienten eignen, sollte vorher geprüft werden, da nicht alle Menschen direkte Berührungen mögen.
 
Naturgestützte Therapien steigern das Wohlbefinden
Typische Therapien, die sich mit Aktivitäten in einer natürlichen Umgebung oder den Umgang mit Tieren befassen, werden gern unter dem Begriff „Green Care“ zusammengefasst. Der Aufenthalt im Grünen und die Beschäftigung mit typischen Handlungen wie die Pflege von Beeten oder den Kontakt mit Tieren soll sich positiv auf die geistige Gesundheit und die Entwicklung bzw. den Erhalt sozialer Beziehungen auswirken. [13] Im Rahmen naturgestützter Therapie können gleich mehrere Aspekte bedient werden. So versorgt ein Aufenthalt im Garten den demenzkranken Patienten gleichermaßen mit dem für die Vitamin-D-Produktion so wichtigen Sonnenlicht, mit frischer Luft, Abwechslung vom Alltag und die Aktivierung kognitiver Wahrnehmung und Fähigkeiten. Zudem kann der Aufenthalt und die Beschäftigung an der frischen Luft auch die Regulierung eines gestörten Schlaf-Wach-Rhythmus begünstigen, unter dem viele Demenzpatienten leiden. Als Teil einer sog. „Chronotherapie“ eignen sich Aktivitäten im Freien somit sehr gut für Patienten mit nächtlicher Unruhe und der Neigung, nachts umherzuwandern („Wandering“). Zudem helfen Aktivitäten, wie beispielsweise Gartenarbeit im Gruppenverband, Angst und Depressionen zu lindern, wie eine Studie mit depressiven Patienten zeigte. [14]
Auch der Umgang mit Tieren kann sich im Rahmen einer tiergestützten Therapie positiv auf agitierte Verhaltensstrukturen und typische psychische Symptome von Demenzpatienten auswirken. Wie bei vielen anderen Methoden aus dem Bereich des noch recht jungen Ansatzes der „Green Care“ stellt sich die Studienlage noch eher dürftig dar. Einige Studien liegen jedoch bereits zur Therapie mit Tieren in der Pflege von Demenzpatienten vor. [15]

Einschätzung
Die Integration nicht medikamentöser Therapien in die Pflege von Demenzpatienten, ob nun im Pflegeheim oder in der Pflege daheim durch Angehörige, steckt noch in den Kinderschuhen. Obwohl die meisten der hier aufgeführten Ansätze mittlerweile ihren Weg in die Leitlinie für die Pflege von Demenzkranken [16,17] gefunden haben, ist dies nicht auf eine ausreichende Grundlage von qualitativ hochwertigen Studien zurückzuführen. Insbesondere für die Pflege von Demenzkranken durch Angehörige in den eigenen vier Wänden liegen kaum Erkenntnisse vor. Eine der zentralen Fragen, zu denen Antworten wünschenswert wären, stellt sich, wenn man über die Ausbildung und Schulung von Pflegepersonal, aber auch von pflegenden Angehörigen nachdenkt. Hier besteht noch Forschungs- und Informationsbedarf – zur Verbesserung der Pflege im Sinne einer menschlichen Therapie, die sowohl den Demenzpatienten als auch den Pflegenden zugutekommt.

Angehörige können sich zu verschiedenen Fragen rund um das Thema Demenz unter anderem an die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. wenden.

 
Literatur
  1. Norgaard A, Jensen-Dahm C, Gasse C, Waldemar G. Psychotropic polypharmacy in patients with dementia. 2nd EAN Congress 2016, Copenhagen > Abstract
  2. Maust DT, Kim HM, Seyfried LS et al. Antipsychotics, other psychotropics, and the risk of death in patients with dementia: number needed to harm. JAMA Psychiatry 2015; 72(5): 438-445 > Abstract
  3. Oesterhus R, Aarsland D, Soennesyn H, Rongve A, Selbaek G, Kjosavik SR. Potentially inappropriate medications and drug-drug interactions in home-dwelling people with mild dementia. Int J Geriatr Psychiatr 2016; epub ahead of print > Abstract
  4. Ing-Randolph AR, Phillips LR, Williams AB. Group music interventions for dementia-associated anxiety: a systematic review. Int J Nurs Studies 2015; 52: 1775-1784 > Abstract
  5. Ray KD, Mittelman MS. Music therapy: a nonpharmacological approach to the care of agitation and depressive symptoms for nursing home residents with dementia. Dementia 2015; epub ahead of print. DOI: 10.1177/1471301215613779 > Abstract
  6. Ridder HMO, Stige B, Ovale LG, Gold C. Individual music therapy for agitation in dementia: an exploratory randomized controlled trial. Aging Mental Health 2013; 17(6): 667-678 > Abstract
  7. Press-Sandler O, Freud T, Volkov I, Peleg R, Press Y. Aromatherapy for the treatment of patients with behavioral and psychological symptoms of dementia: a descriptive analysis of RCTs. J Altern Complement Med 2016; 22(6): 422-428 > Abstract
  8. Yang M-H, Lin L-C, Wu S-C, Chiu J-H, Wang P-N, Lin J-G. Comparison of the efficacy of aroma-acupressure and aromatherapy for the treatment of dementia-associated agitation. BMC Complement Altern Med 2015; 15: 93 > Abstract
  9. Fu C-Y, Moyle W, Cooke M. A randomized controlled trial of the use of aromatherapy and hand massage to reduce disruptive behavior in people with dementia. BMC Complement Altern Med 2013; 13: 165 > Abstract
  10. Viggo Hansen N, Jorgensen T, Ortenblad L. Massage and touch for dementia. Cochrane Database of Systematic Reviews 2006; Issue 4. Art. No. CD004989 > Abstract
  11. Rodríguez-Mansilla J, López-Arza MVG, Varela-Donoso E, Montanero-Fernández J, Sánchez BG, Garrido-Ardila EM. The effects of ear acupressure, massage therapy and no therapy on symptoms of dementia: a randomized controlled trial. Clin Rehab 2015; 683-693 > Abstract
  12. Woods DL, Beck C, Sinha K. The effect of therapeutic touch on behavioral symptoms and cortisol in persons with dementia. Forsch Komplementärmed 2009; 16(3): 181-189 > Abstract
  13. Gilliard J, Marshall M (Hrsg.) Naturgestützte Pflege von Menschen mit Demenz. Natürliche Umgebungen für die Förderung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz nutzen. Bern: Huber, 2014 > Abstract
  14. Gonzalez MT, Hartig T, Grinda Patil G, Marinsen EW, Kirkevold M. A prospective study of group cohesiveness in therapeutic horticulture for clinical depression. Int J Ment Health Nurs 2011; 20: 119-129 (s.a. Zusammenfassung: http://www.carstens-stiftung.de/artikel/gartenarbeit-hebt-die-stimmung.html) > Abstract
  15. Filan SL, Llewellyn-Jones RH. Animal-assisted therapy for dementia: a review of the literature. Int Psychogeriatr 2006; 18: 597-611 > Abstract
  16. Demenz-Leitlinie für Ärzte (Stand: 2012) > Abstract
  17. Demenz-Leitlinie für pflegende Angehörige (Stand: 2012) > Abstract
 
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Daniela Hacke, M.A.
Fachbereich Informationsbeschaffung und Wissensmanagement
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Die Demenzforschung kommt zu immer neuen Erkenntnissen, die Hoffnung machen. Nachgewiesen ist z. B., dass es einen Zusammenhang zahlreicher Lebensstilfaktoren mit der Entstehung einer Demenz gibt. Und auch bei bereits erkrankten Menschen können naturheilkundliche Maßnahmen den Lebensstil verbessern und Symptome lindern: Der kompakte Ratgeber aus dem KVC Verlag für nur 5 Euro 90. [mehr]
 
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