Homöopathie bei Infektionen der oberen Atemwege?

Komplexmittel sind einer Standardbehandlung vergleichbar
Zusammenfassung
252 Patienten mit akuter Rhinitis oder Sinusits, die mit dem homöopathischen Komplexmittel Euphorbium comp.® Nasentropfen behandelt wurden, wurden 250 Patienten gegenübergestellt, die Xylometazolin erhielten, (z.B. Otriven®). Beide Gruppen unterschieden sich zu Beginn der Behandlung stark voneinander, auch in Schweregrad und Dauer der Erkrankung. Innerhalb der ersten drei Tage ging es den Xylametozolin-Patienten deutlich besser, nach zwei bis drei Wochen waren die Therapieerfolge beider Gruppen vergleichbar, die Euphorbium-Gruppe schnitt nur unwesentlich schlechter ab.

Allgemeine Einschätzung
Die Studie wurde als nicht-randomisierte Vergleichsstudie angelegt. Die Autoren haben damit ein Studiendesign gewählt, dass bekanntermaßen nicht optimal ist, um die Frage zu beantworten, ob homöopathisches und schulmedizinisches Medikament vergleichbar sind.
Hinzu kommen Zweifel, ob in der Studie das Zielkriterium richtig gewählt wurde. Untersucht wurde, wie stark die Patienten nach maximal 4-wöchiger Behandlung noch unter den Symptomen einer Sinusitis oder Rhinitis litten. Man kann davon ausgehen, dass ein Großteil der Patienten in dieser Zeit auf jeden Fall symptomenfrei ist, egal wie die Behandlung aussah. Eine Äquivalenz beider Therapien ist dann einfach nachzuweisen, ohne dass dieser Nachweis irgendeine Aussagekraft hat.
Die Schlussfolgerung aus dieser Studie kann daher nur sehr vorsichtig formuliert werden: Möglicherweise ist Euphorbium comp.® ähnlich erfolgreich wie Xylometazolin bei der Behandlung von Infekten der oberen Atemwege. Die Studie liefert hierfür ein (schwaches) Indiz, aber keinen Beweis.

Weiterführender Kommentar
Studien, die die Gleichwertigkeit (Äquivalenz) einer homöopathischen Therapie mit einer Vergleichstherapie untersuchen, sind allein schon deshalb sinnvoll, weil es in ihnen möglich ist, neben den medikamentösen Wirkungen der Homöopathie auch die Effekte einer Anamnese zu berücksichtigen.
Für homöopathische Komplexmittel gilt dieses Argument allerdings nicht, da diese im Sinne einer schulmedizinischen Indikation nicht-individualisiert verschrieben werden. Daher ist es etwas unverständlich, warum die Autoren eine nicht-randomisierte

Kohortenstudie statt einer klassischen randomisierten Therapiestudie gewählt haben, es hätte zumindest einer ausführlicheren Begründung bedurft.
Die Folgen des unglücklichen Studienansatzes sind schwer vergleichbare Patientengruppen: die homöopathisch behandelten Patienten sind häufiger Kinder, häufiger nur leicht erkrankt und ihre Erkrankungsdauer ist deutlich kürzer. Auch wenn moderne statistische Verfahren genutzt wurden, die diese Ungleichheiten ausgleichen sollen, bleibt ein Rest an Unsicherheit, der das Ergebnis prinzipiell in Frage stellt.

Dieses gilt um so mehr, als die Autoren ein Zielkriterium gewählt haben, dessen Relevanz für die Fragestellung fraglich ist: die Veränderung der klinischen Symptomatik im Behandlungsverlauf nach maximal 4 Wochen. 4 Wochen ist ein Zeitraum, in dem die klinischen Symptome bei den allermeisten Patienten abgeklungen sein dürften. Sollte diese Vermutung zutreffen (was die Autoren explizit bestreiten), wird durch die Wahl des Zielkriteriums die Äquivalenz beider Therapien quasi a priori definiert, selbst wenn beide Therapien keinerlei Wirksamkeit aufweisen. Die Autoren verweisen zwar darauf, dass bereits nach etwa 12 Behandlungstagen eine Äquivalenz für die meisten Symptome nachweisbar ist, doch zeigen sie gleichzeitig, dass der Therapieerfolg in der Xylometazolin-Gruppe deutlich schneller eintritt, was dem intuitiven Verständnis von Äquivalenz widerspricht.

Ein weiteres Problem der Studie ist eines, das aus vielen Studien zur Wirksamkeit komplementärmedizinischer Behandlung bekannt ist: es bleibt völlig unklar, ob und in welcher Weise die Patienten neben der verordneten Therapie sich selbst behandelt haben. Sowohl Euphorbium comp.® als auch Xylometazolin (z.B. in Otriven®) sind rezeptfrei erhältlich. Unterschiede in beiden Therapiegruppen könnten also durch nicht kontrollierbare Begleitmedikationen verwischt werden.
 
Literatur
  1. Ammerschläger H, Klein P, Weiser M, Oberbaum M. Behandlung von Entzündungen im Bereich der oberen Atemwege – Vergleich eines homöopathischen Komplexpräparates mit Xylometazolin. Forsch Komplementärmed Klass Naturheilkd 2005;12:24-31. > Abstract
 
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Rainer Lüdtke
Dipl.-Stat. Rainer Lüdtke
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