07.12.2015

Klimawandel, pflanzenbasierte Ernährung und Gesundheit

Über den Zusammenhang von UN-Klimakonferenz, Weihnachtsbraten und Krebs
Tierhaltung und Klimaschutz
Derzeit befassen sich in Paris die Repräsentanten von 183 Ländern im Rahmen der 21. UN-Klimakonferenz mit den Ursachen und Folgen der globalen Erwärmung sowie den Möglichkeiten, diese möglichst zu reduzieren. Schon seit längerem bekannt ist die Tatsache, dass der Treibhauseffekt zu einem erheblichen Anteil auf das Konto der Nutztierhaltung geht: Viehzucht ist laut einer Studie der Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) für den Ausstoß von 18% aller klimaschädlichen Gase verantwortlich. Das ist mehr als der gesamte Transportsektor (Autos, Flugzeuge, Schiffe etc.) verursacht. Bei den besonders schädlichen Treibhausgasen wie Lachgas ist der Anteil noch größer (65%) [1].

In Anbetracht der mutmaßlich bereits mittelfristig katastrophalen Folgen eines ungebremsten Klimawandels gewinnt die Frage nach einer globalen Veränderung der Ernährungsformen zunehmend an Bedeutung. Insbesondere die Einwohner der Industrieländer konsumieren zu viele tierische Erzeugnisse.

Vom Randphänomen zur Massenerscheinung
In Deutschland ist der Trend zu pflanzenbetonten Ernährungsformen längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen: Während sich laut der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) Nürnberg 1983 lediglich 0,6% der bundesdeutschen Bevölkerung vegetarisch ernährten, liegt aktuell der Anteil der Menschen in Deutschland, die kein Fleisch konsumieren, bei ca. 10%; hinzu kommen etwa 1,1% Veganer, welche zusätzlich sämtliche tierischen Produkte, wie Eier, Käse und Milch, meiden [2].

Ernährungswissenschaftliche Studien, die durchgeführt wurden, als vegetarische/vegane Kostformen noch eine gesellschaftliche Randerscheinung waren, befassten sich häufig mit der Nährstoffversorgung respektive den postulierten Mangelerscheinungen von Menschen, die eine pflanzenbetonte Ernährung bevorzugen. Dies hat sich grundlegend geändert: Zunehmend wird deutlich, dass auf einem Speiseplan, der wenig bis keine Tierprodukte enthält, nicht nur nichts fehlt, sondern dass eine solche Diät viele Vorteile bietet.

Gut für Herz und Gefäße
An der von 1980 bis 2000 durchgeführten Oxford Vegetarian Study [3] nahmen rund 11.000 Probanden teil, von denen sich ca. 4.700 als Vegetarier oder Veganer bezeichneten. Hauptuntersuchungsziel war die Sterblichkeit von Vegetariern, insbesondere im Hinblick auf kardiovaskuläre Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Arteriosklerose im Vergleich zu einer fleischessenden Kontrollgruppe. Die Daten ließen darauf schließen, dass das Risiko, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu entwickeln, bei lebenslangen Vegetariern 24% und bei lebenslangen Veganern 57 % niedriger liegt als bei Mischköstlern.

Auch das Risiko an einer solchen Krankheit zu sterben erhöhte sich mit zunehmendem Konsum von Fleisch, Käse, Eiern und tierischen Fetten: Teilnehmer, die seltener als einmal pro Woche Fleisch verzehrten, wiesen eine um 20% niedrigere Gesamtsterblichkeit und eine 28% niedrigere Sterblichkeit an kardiovaskulären Erkrankungen auf als regelmäßige Fleischesser. Andere Untersuchungen bestätigen das große Potential pflanzenbasierter Ernährungsformen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen und auch bereits vorliegende Störungen positiv zu beeinflussen [4, 5].

Fleischverzehr und Krebsrisiko
Für Aufsehen sorgte kürzlich eine Meldung der WHO [6], welche auf den Zusammenhang zwischen Fleischverzehr und Krebs hinwies, den eine Übersichtsarbeit der International Agency for Cancer Research (IACR) [7] konstatiert: Auf Grundlage von mehr als 800 Studien stuft die IARC den Verzehr von rotem und verarbeitetem Fleisch als krebserregend ein. Dieser Befund ist keineswegs neu:

Die EPIC Oxford Study [8] untersucht seit 1993 den Zusammenhang zwischen Ernährung und dem Auftreten chronischer Krankheiten, insbesondere Krebs, an über 500.000 Teilnehmern aus 23 Ländern. Die Studienleiter konnten bei den bislang durchgeführten Follow-Ups nach 5, 10 und 15 Jahren Beobachtungszeit feststellen, dass Vegetarier gegenüber Nichtvegetariern über alle Krebsarten hinweg durchschnittlich ein geringeres Risiko für Tumorerkrankungen aufweisen. Insbesondere erhöhe sich das Risiko für Dickdarmkrebs mit zunehmendem Verzehr von rotem und verarbeitetem Fleisch [9].

Auch im Rahmen der Adventist Health Study 2 mit über 96.000 Probanden aus den USA und Kanada zeigte sich, dass Vegetarier gegenüber Fleischessern ein um 24% niedrigeres Risiko haben, Tumore des Verdauungstraktes zu entwickeln. Weitere Untersuchungen belegen die Vorteile einer vorwiegend pflanzlichen Ernährung hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit, an Brust-, Eierstock- oder Gebärmutterhalskrebs zu erkranken: Veganerinnen weisen durchschnittlich ein um 34% niedrigeres Risiko für diese frauenspezifischen Krebsarten auf [10].

Der Trend ist eindeutig: Die Gefahr an Krebs zu erkranken lässt sich durch eine pflanzenbetonte Diät in beachtlichem Ausmaß reduzieren. Der Ernährungswissenschaftler Claus Leitzmann hält etwa ein Drittel aller Tumorerkrankungen für ernährungsassoziiert [11]. Fehlernährung wäre damit ebenso krebserzeugend wie Rauchen, während bloß 5-10% aller Tumorerkrankungen genetisch bedingt sind [12].

Genügend Nährstoffe?
"Angemessen geplante vegetarische Ernährung, einschließlich komplett vegetarischer oder veganer Kostformen, ist gesund, ernährungsphysiologisch bedarfsgerecht und kann gesundheitliche Vorteile für die Prävention und Behandlung bestimmter Erkrankungen bieten. Gut geplante vegetarische Diäten sind für Menschen aller Lebensphasen geeignet, einschließlich Schwangere, Stillende, Kleinkinder, Kinder und Jugendliche sowie Sportler." [13] So lautet die offizielle Position der American Dietetic Association (ADA) in Bezug auf pflanzenbetonte Ernährungsformen. Aber was genau soll hier gut geplant werden, und die Versorgung mit welchen Nährstoffen könnte ggf. kritisch sein?

Zunächst lässt sich in Bezug auf diese Frage feststellen, dass sowohl Vegetarier als auch Veganer insgesamt offenbar seltener unter einer nicht normgerechten Versorgung mit bestimmten Nährstoffen leiden als fleischessende Personen [14]. Dies könnte zu einem gewissen Teil auch daher rühren, dass die beiden erstgenannten Gruppen tendenziell einen gesundheitsbewussteren Lebensstil führen und generell stärker auf eine ausgewogene Ernährung achten. Weiterhin muss festgestellt werden, dass die Unterversorgung mit bestimmten Nährstoffen für sich genommen keine Erkrankung darstellt, und dass eine Überversorgung, bspw. mit tierischen Eiweißen und Fetten, häufig mindestens ebenso kritisch zu betrachten ist [15].

Bezogen auf unterschiedliche Ernährungsformen rücken jeweils einzelne Nährstoffe in den Fokus der Betrachtung: Beispielsweise sollten Veganer im Vergleich zu Fleischessern stärker auf eine ausreichende Versorgung mit den Vitaminen B12 und A achten, während Fleischesser mehr Augenmerk auf die ausreichende Zufuhr von Vitamin E, Magnesium und Folsäure richten sollten [14]. Wissenschaftlich gesichert ist mittlerweile, dass eine pflanzenbasierte Kost in der Lage ist, genügend Eisen [16] (Hülsenfrüchte, Nüsse, Vollgetreide sowie verschiedene Gemüsearten und Trockenfrüchte), Proteine [17] (Getreide, Hülsenfrüchte und Nüsse) und Calcium [18] (Milchprodukte, dunkelgrüne Gemüsearten wie Grünkohl, Spinat und Brokkoli sowie angereicherte Sojaprodukte) zu liefern, wenn auf einen abwechslungsreichen Speiseplan geachtet wird. Letztgenannte Empfehlung gilt jedoch gleichermaßen für Mischköstler [19].

Bezogen auf den Einzelfall sollte möglicherweise besonders auf einzelne Nährstoffe geachtet werden, insbesondere wenn bestimmte Erkrankungen vorliegen. Bei Unsicherheit bezüglich des Ernährungsstatus kann unter Umständen außerdem die (regelmäßige) Anfertigung eines Blutbildes ratsam sein. Einen Sonderfall im Hinblick auf die Nährstoffversorgung bei pflanzenbasierten Kostformen stellt das Vitamin B12 (Cobalamin) bei strikt veganer Ernährung dar: Eine Supplementierung, bspw. durch entsprechend angereicherte Sojaprodukte oder Zahnpasta, scheint hier unbedingt empfehlenswert, weil Cobalamin ausschließlich in Erzeugnissen tierischen Ursprungs zu finden ist und die natürlichen pflanzlichen Analoga nicht hinreichend bioverfügbar sind [20].

Fazit
Ernährungswissenschaftliche Studien belegen heutzutage auf breiter Basis: Menschen, deren Speiseplan vorwiegend oder auch ausschließlich pflanzliche Lebensmittel enthält, sind im Vergleich zu Mischköstlern seltener von Übergewicht, Diabetes Typ 2, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs betroffen. Wenn auf eine abwechslungsreiche Auswahl an Lebensmitteln geachtet wird, ist eine gute Versorgung mit allen nötigen Nährstoffen sichergestellt. Im Vergleich zu einer ausgewogenen pflanzenbasierten Ernährung gibt es kaum eine Maßnahme, die ein derart großes Potential bietet, das Risiko, einer der häufigsten Todesursachen in den industrialisierten Ländern (1. Herzinfarkt und Schlaganfall; 2. Krebs) [21] zum Opfer zu fallen, effektiv zu reduzieren.

Neben der Bedeutung für die eigene Gesundheit gibt der schädliche Einfluss der weltweiten Tierhaltung auf das Klima Anlass zu der Überlegung, ob an den bevorstehenden Festtagen unbedingt immer Gans und Braten auf den Tisch gehören. Pflanzliche Alternativen bedeuten für den, der sie zuzubereiten versteht, in den seltensten Fällen einen Verzicht, sondern lediglich eine Umstellung oder sogar Bereicherung.
 
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Jens Behnke
Dr. Jens Behnke
Homöopathie in Forschung und Lehre
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