Intensivpatienten überleben nach einer homöopathischen Behandlung länger!

Homöopathie in der Intensivmedizin
Zusammenfassung
70 schwerkranke Sepsispatienten wurden randomisiert mit homöopathischen Einzelmitteln oder Placebo behandelt. Nach 1 Monat lag der Anteil der Überlebenden in der Homöopathiegruppe mit 81,8% bereits höher als in der Placebogruppe (67,7%), nach einem halben Jahr erreichte der Unterschied die Grenze der statistischen Signifikanz (75,8% vs. 50,0%).

Allgemeine Einschätzung
Klein aber recht fein, dieses könnte der Leitsatz zu der Studie sein, die M. Frass und Kollegen zur Wirksamkeit individuell verordneter homöopathischer Einzelmittel vorgelegt haben. Klein ist die Studie in doppelter Hinsicht: zum einen sind die Fallzahlen (35 Patienten je Therapiegruppe) so gering, dass man bei Studienbeginn mit einer realistischen Einschätzung der Therapieerfolge eigentlich keine positiven (statistisch signifikanten) Ergebnisse hätte erwarten können. Zum anderen ist auch der Aufwand, der innerhalb der Studie betrieben wurde, recht überschaubar. Die Autoren konzentrieren sich ausschließlich auf ein Erfolgskriterium, das Überleben; Laborparameter, ein zusätzlicher konventioneller Medikamentenverbrauch oder tägliche Beurteilungen des Krankheitsverlaufs wurden nicht erhoben!
Aus formaler Sicht sind diese Beschränkungen zu begrüßen, besagt die statistische Theorie doch, dass eine Vielzahl von Zielparametern die Ergebnisse eher verwässern als aufwerten. Aus medizinischer Sicht ist es aber etwas unbefriedigend, zwar zu wissen, dass die Patienten überlebt haben, aber nicht zu erfahren, wie sie überlebt haben. Sinnvoll wären Angaben zu Begleittherapien bzw. begleitenden Pflegemaßnahmen gewesen, sowohl in der Phase der akuten Sepsis und des Organversagens als auch in der halbjährigen Langzeitbeobachtung.
Zudem belasten einige Kleinigkeiten den insgesamt guten Gesamteindruck der Studie: der gewählte statistische Test, mit dem die Unterschiede zwischen beiden Therapie-gruppen herausgearbeitet wurden, ist inadäquat und es wurden drei Patienten bei der Auswertung nicht berücksichtigt, die gemäß internationaler Richtlinien eigentlich hätten berücksichtigt werden müssen. Beide Fehler sind leicht auszumerzen und eine revidierte Auswertung würde zu gleichen Ergebnissen kommen wie die Originalanalyse. Dennoch bleibt ein ganz kleiner bitterer Beigeschmack ...

Weiterführender Kommentar
Die Studie berichtet von einem im Vergleich zu Placebo statistisch nachweisbar höheren Überleben unter hochpotenzierten (C200) homöopathischen Einzelmitteln bei lebensgefährlich erkrankten Patienten einer Intensivstation. Dabei wurden die Patienten randomisiert der homöopathischen oder der Placebotherapie zugeführt, weder Ärzte noch Patienten wussten davon, in welcher Therapiegruppe die Patienten sich befanden. Damit sind zwei der wichtigsten Kriterien erfüllt, die heutzutage an eine Therapiestudie gestellt werden, die Studie muss daher als methodisch relativ hochwertig gelten.

Ein drittes wesentliches Kriterium wird allerdings nicht erfüllt: nicht alle der 70 randomisierten Patienten wurden in die statistische Analyse einbezogen, zwei Patienten der Homöopathiegruppe und ein Patient der Placebogruppe wurden ausgeschlossen, weil von Ihnen Daten fehlten. Dieses widerspricht internationalen Richtlinien!
Dieses Manko überrascht, da die Autoren als Zielkriterium die reine Überlebensrate wählten. Nirgendwo ist es so einfach, auch unvollständige Daten in die statistische Analyse zu integrieren, die Technik der Zensierung macht es möglich. Noch überra-schender ist allerdings, dass die Autoren behaupten, alle drei ausgeschlossenen Patienten hätten überlebt. Damit fehlen die relevanten Daten überhaupt nicht, es ist sogar eine einfache Reanalyse möglich. Für die Autoren und die Anhänger der Homöopathie beruhigend: auch in der Reanalyse bleiben die Gruppenunterschiede statistisch signifikant (Überlebensraten 77,1% vs 51,4%, p=0.0449, Fishers exakter Test).

Hierbei ist anzumerken, dass in der Reanalyse mit Fishers exaktem Test ein Verfahren gewählt wurde, dass den Daten (binär skalierte Messwerte) angemessen ist. Das von den Autoren gewählte Verfahren (Kruskal-Wallis-Test) ist in dieser Situation nicht ange-messen, da es für den Gruppenvergleich ordinal skalierter Parameter entwickelt wurde.
Aus medizinischer Sicht liegen die wesentlichen Versäumnisse der Studie darin, dass viel zu wenig über den Krankheitsverlauf der Patienten nach Randomisation gesagt wird: Welche intensivmedizinischen Maßnahmen erhielten die Patienten, welche Pflege, welche Medikamente? Und vor allem, welche Komplikationen sind aufgetreten?
Auch Homöopathen können mit der Studie nicht ganz zufrieden sein: das Manuskript sagt nahezu nichts darüber aus, wie die beteiligten Homöopathen die für den Patienten individuell zugeschnittene Arznei wählten. Eine Replikation der Studie oder gar die Integration der Therapie in die therapeutische Praxis ist damit nicht möglich.
Fazit: Alle, Methodiker, konventionelle Mediziner und Homöopathen, können nicht ganz mit der Studie zufrieden sein, sie ist dennoch ein wichtiger Baustein in dem Bestreben, die Wirksamkeit homöopathischer Arzneien unvoreingenommen wissenschaftlich zu evaluieren.

Die Meinung anderer:
Die Münchner Medizinische Wochenschrift hat zu dieser Studie einen Kommentar von E. Ernst, Exeter, UK veröffentlicht: „Warum erfährt der Leser nichts über die vielen anderen Interventionen, die auf der Intensivstation zwangsläufig notwendig waren? Fazit: dies sind provokante Daten, die dringend von unabhängiger Stelle wiederholt werden sollten.“
 
Literatur
  1. Frass M, Linkesch M, Banyai S, Resch G, Dielacher C, Löbl T, Endler C, Haidvogl M, Muchitsch I, Schuster E. Adjunctive homeopathic treatment in patients with severe sepsis: a randomized, double-blind, placebo-controlled trial in an intensive care unit. Homeopathy 2005; 94:75-80. > Abstract
 
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Rainer Lüdtke
Dipl.-Stat. Rainer Lüdtke
Referat für Biometrie und Wissenschaftstransfer
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