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01.09.2015

Die Komplementärmedizin macht erste Schritte auf dem politischen Parkett

CDU spricht sich für stärkere Berücksichtigung von CAM-Verfahren aus - Absichtserklärung oder Wahlkampfthema?
Die Kommission „Nachhaltig leben – Lebensqualität bewahren“ hat jüngst ihren Abschlussbericht vorgelegt.[1] Neben Themen aus dem Bereich Wirtschaft, Ökologie und Verbrauchersicherheit hat sich die Arbeitsgruppe auch Fragen der Gesundheitsfürsorge gewidmet. Da Komplementärmedizin (CAM) eng mit einem nachhaltigen Lebensstil zusammenhängt, enthält der Bericht mehrere relevante Punkte zu diesen Themen. Hinsichtlich der Gesamtausrichtung des Gesundheitssystems und insbesondere der medizinischen Forschung konstatieren die Autoren:

„Die Prävention und die Gesundheitsforschung wollen wir weiter ausbauen. Es geht dabei nicht nur um wirksame Therapien und Medikamente, sondern auch um die Lebensqualität und die seelischen Nöte der Patienten. Deshalb stärken wir die Versorgungsforschung, die fragt, wie Menschen mit Therapien in ihrem Alltag zu rechtkommen, wie chronisch Kranke dauerhaft gut betreut werden und was in der Nachsorge bei Krankenhausaufenthalten sowie bei der Pflege verbessert werden kann.“

Dieses Statement ist vor allem deswegen für die Komplementärmedizin von Bedeutung, weil der einseitigen Fokussierung auf Wirksamkeitsforschung – etwa mittelst randomisierter, placebokontrollierter Doppelblindstudien (RCTs) – eine klare Absage erteilt wird. Klinische Studien dieser Art können zwar nützlich sein, um einen ganz bestimmten, eng umschriebenen Effekt eindeutig einer medizinischen Intervention zuzuordnen. Sie untersuchen Fragen wie: „Ist die Substanz X (unter Laborbedingungen) in der Lage, (unter Ausschluss sämtlicher anderer Faktoren) den Blutdruck eines Probanden um einen bestimmten Mindestwert zu senken?“

Sie sind jedoch weniger geeignet, herauszufinden, was Patienten unter realistischen Praxisbedingungen wirklich hilft. Um im Beispiel zu bleiben: Eine Substanz, die sich innerhalb eines RCTs als stark blutdruckwirksames Medikament herausstellt, ist deswegen nicht unbedingt auch die beste Therapieoption für jeden Hypertonie-Patienten. Eine Kombination aus Sport, Entspannungsübungen und einer homöopathischen Konstitutionsbehandlung etwa, kann einen stärkeren und vor allem auch nachhaltigeren Einfluss auf die symptombezogene Lebensqualität haben als die tägliche Einnahme von hochwirksamen – und daher häufig auch mit Nebenwirkungen behafteten – Arzneimitteln. Dies kann sogar dann Fall sein, wenn die Summe der spezifischen Effekte der genannten Maßnahmen kleiner ist als derjenige des Medikaments. Verantwortlich hierfür sind sogenannte unspezifische Effekte oder Kontextfaktoren, die durch die Methodik eines RCTs systematisch ausgeblendet werden, obwohl sie den Löwenanteil der Wirksamkeit einer medizinischen Maßnahme ausmachen können.

Die Versorgungsforschung, welche die CDU-Kommission gestärkt sehen möchte, widmet sich im Rahmen sog. Outcome-Studien genau dieser Dimension von „Wirksamkeit“: Nicht die isolierte Wirkung von Einzelinterventionen auf genau definierte Parameter wird hier erforscht, sondern der tatsächliche Nutzen einer Behandlung unter Alltagsbedingungen. Eine Akzentverschiebung in diese Richtung ist sehr zu begrüßen, da die einseitige Priorisierung der Wirksamkeitsforschung dazu tendiert, eine wesentliche Frage aus dem Blick zu verlieren: „Was hilft dem Patienten?“. Die zentrale Rolle der Versorgungsforschung betont daher auch Jürgen Windeler vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG):

„Bei der Bewertung des medizinischen Nutzens von Arzneimitteln oder anderen medizinischen Maßnahmen m[uss] immer die Sichtweise des Patienten eingenommen werden. ‚Die zentrale Frage ist: Was hat der Patient davon? Vergleichende prospektive Interventionsstudien s[ind] die Grundlage für die Nutzenbewertung beim IQWiG und vergleichbaren internationalen Organisationen.“[2]

Die besondere Bedeutung von Outcome-Studien für Verfahren aus dem Bereich CAM liegt darin, dass die z.T. ideologisch motivierten Kontroversen um die Wirksamkeit bestimmter Verfahren, z.B. Homöopathie, Anthroposophische Medizin oder Akupunktur in den Hintergrund treten. Ob aus der Sicht eines bestimmten Naturwissenschaftsverständnisses potenzierte (schrittweise verdünnte und verschüttelte) Arzneimittelmittel jenseits der Molekulargrenze eine Wirkung im chemisch-pharmakologischen Sinne haben können, ist für die Beurteilung der Gesamtverfahren, innerhalb derer solche Stoffe Anwendung finden, unerheblich. In Bezug auf die Akunpunktur tritt etwa die Frage, ob die Lebensenergie Qi und die Meridiane, die sie durchströmen soll, tatsächlich im Sinne traditioneller Vorstellungen existieren in den Hintergrund:

Homöopathie,[3]  Anthroposophische Medizin[4] und Akupunktur[5] haben klinisch relevante Effekte von z.T. großer Stärke und üben einen nachhaltigen positiven Einfluss auf die Lebensqualität chronisch Kranker aus. Häufig helfen diese Therapien auch in Fällen, wo mit Mitteln der konventionellen Medizin keine nachhaltige Besserung zu erzielen ist. Durch die Anwendung dieser und weiterer CAM-Verfahren lassen sich in vielen Fällen erhebliche Kosteneinsparungen erzielen.[6][7][8] Dies alles belegen groß angelegte und methodisch hochwertige Studien aus der Versorgungsforschung.

Die Kommission konstatiert weiterhin: „Wir werden alternative Heilmethoden, wie z.B. die Homöopathie, schon in der Forschung stärker berücksichtigen[.]“ Diese Ankündigung lässt hoffen, dass die von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung genutzte und geschätzte Komplementärmedizin[9] durch die entsprechenden politischen Weichenstellungen adäquate Berücksichtigung in der Wissenschaft findet. Derzeit wird die Erforschung von CAM vom Bund mit 0,- € gefördert. Dem steht bspw. in den USA ein Fördervolumen von ca. 130 Mio. $ pro Jahr gegenüber, welches durch das Nationale Zentrum für Komplementär –und Alternativmedizin (NCCAM) verwaltet wird.[10]

Lobend hervorzuheben ist bei diesem Stand der Dinge, dass eine politische Partei offenbar die Zeichen der Zeit erkannt hat und auf einen nicht mehr wegzudiskutierenden Trend reagiert: Die meisten Menschen wünschen sich im Krankheitsfall ergänzend oder alternativ zu einer konventionellen medizinischen Behandlung Therapien aus dem Spektrum der Komplementärmedizin.[11] Diese Behandlungsansätze müssen wissenschaftlich evaluiert werden, um deren Leistungsfähigkeit, ihr Indikationsspektrum und ihre Grenzen beurteilen zu können. Nicht zuletzt ist es in diesem Kontext von großer Bedeutung, Homöopathie und Naturheilkunde im Medizinstudium zu verankern, um eine fundierte Ausbildung und Qualitätssicherung zu ermöglichen.

Der vorliegende Kommissionsbericht ist ein Schritt in die richtige Richtung. Bleibt abzuwarten, ob die positiven Inhalte der Diskussion mit Parteibasis und -spitze standhalten. Die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen hatte bereits 2008 ein Fachgespräch mit dem Titel "Komplementärmedizin auf dem Prüfstand" mit ähnlichen Schwerpunktsetzungen durchgeführt.[12]
 
Literatur
  1. Abschlussbericht der Kommission > Abstract
  2. Interview mit Jürgen Windeler > Abstract
  3. Witt, C.M., Lüdtke, R., Baur, R. & Willich, S. (2005): Homeopathic Medical Practice: Long-Term Results of a Cohort Study with 3981 Patients. In: BMC Public Health, 5, 115.
  4. Hamre, H.J., Becker-Witt, C., Glockmann, A., Ziegler, R., Willich, S.N. & Kiene, H. (2004): Anthroposophische Therapien bei chronischen Erkrankungen: Die Anthroposophische Medizin Outcomes-Studie (AMOS). In: Der Merkurstab 57(6): 419-429
  5. Vickers, A.J., Cronin, A.M., Maschino, A.C., Lewith, G., MacPherson, H., Foster, N.E., Sherman, K.J., Witt, C.M. & Linde, K; Acupuncture Trialists' Collaboration: Acupuncture for chronic pain: Individual patient data meta-analysis. Arch Intern Med. 2012 Oct 22;172(19):1444-53. doi: 10.1001/archinternmed.2012.3654. > Abstract
  6. Baars, E.W., & Kooreman, P. (2014). A 6-year comparative economic evaluation of healthcare costs and mor-tality rates of Dutch patients from conventional and CAM GPs. In: BMJ Open, 4: e005332.
  7. Herman, P.M., Poindexter, B.L., Witt, C.M., & Eisenberg, D.M. (2012). Are complementary therapies and inte-grative care cost-effective? A systematic review of economic evaluations. In: BMJ Open, 2: e001046. doi:10.1136/bmjopen-2012-001046
  8. Viksveen, P., Dymitr, Z., & Simoens, S. (2014). Economic evaluations of homeopathy: A review. In: European Journal of Health Economics, 15: 157-174.
  9. Allensbach-Umfrage > Abstract
  10. NCCAM-Bericht > Abstract
  11. Erhebung "Einstellung zu Komplementärmedizin" > Abstract
  12. Bericht zum Fachgespräch "Komplementärmedizin auf dem Prüfstand" > Abstract
 
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Jens Behnke
Dr. Jens Behnke
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