Die Behandlung koronarer Herzkrankheiten (KHK) durch Yoga-Therapie

Mit dem Sammelbegriff Koronare Herzkrankheiten bezeichnet man arteriosklerotische [a] Veränderungen an den Herzkranzarterien. Mit zunehmender Einengung der Gefäße wird das Herz immer weniger mit Sauerstoff versorgt (Ischämie), was sich klinisch als Angina pectoris [b] äußern kann aber nicht muss. In der Folge können Herzrhythmusstörungen, mangelnde Herzleistungsfähigkeit und schließlich Herzinfarkte auftreten. Koronare Herzkrankheiten sind in Deutschland für etwa 170.000 Todesfälle jedes Jahr verantwortlich.

Die KHK-Therapie setzt zum einen auf die Veränderung des Lebensstils (Aufhören zu Rauchen, Ernährungsumstellung, sportliche Betätigung) und die damit verbundenen Senkungen von Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Übergewicht und zu hohem Blutzucker. Die Maßnahmen werden medikamentös unterstützt, z.B. durch Betarezeptorenblocker, ACE-Hemmer, Nitrate, Statine oder Calciumkanalblocker. Auch chirurgische Eingriffe (PTCA, GABC [c]) helfen, die Durchleitungsfähigkeit der Herzkranzgefäße zu verbessern.

Naturheilkundliche Ärzte setzen oft auf pflanzliche Präparate zur Behandlung koronarer Herzerkrankungen. Insbesondere Weißdorn- und Knoblauchpräparate sind weit verbreitet. Andere Ärzte vertrauen auf Kneippsche Güsse oder auf Entspannungsübungen, von denen Yoga aus wissenschaftlicher Sicht eine Ausnahmestellung einnimmt.

Yoga ist eigentlich keine reine Entspannungsübung, sondern eher eine Philosophie, die auf religiösen Traditionen aus Indien beruht. Yoga bedeutet, eine andere Einstellung zu sich selbst zu gewinnen, wobei verschiedene Übungen genutzt werden, die helfen, den eigenen Körper zu beobachten, einzuschätzen und zu steuern. Ein wesentliches Element des Yogas sind die sog. Asanas, spezielle Haltungen und Stellungen, in denen die Übungen absolviert werden.

Die wissenschaftliche Ausnahmestellung des Yogas in der naturheilkundlichen Therapie koronarer Herzerkrankungen begründet sich darin, dass es eine Reihe hochwertiger Studien zum Thema gibt. Diese wurden kürzlich von Hutchinson und Ernst [1] in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift für Herzerkrankungen gesichtet und bewertet. Die beiden Autoren fanden insgesamt elf randomisierte [d] Studien, von denen sie sechs für eine wissenschaftliche Bewertung geeignet hielten. In allen diesen Studien wurden neben den Asanas noch andere Elemente der Yoga-Therapie verwendet, vor allem Meditations- und Entspannungstechniken. Als Vergleichsgruppen dienten Patienten, die entweder allein eine konventionelle Therapie bekamen (inklusive eines Aktivitäts- und Ernährungsprogramms) oder denen einfache Anleitungen zur Entspannung, Ernährung oder Aktivitätssteigerung mitgegeben wurden.

Fünf der sechs Studien konnten eine statistisch signifikante Überlegenheit des Yoga über die Kontrollbehandlung zeigen. Der Cholesterinwert [e] sank in den Yoga-Gruppen um etwa 20% bis 25%, egal ob das Yoga in kurzer Zeit sehr intensiv praktiziert wurde oder etwas weniger intensiv über längere Zeit. Insbesondere verringerte sich das LDL-Cholesterin, während sich das HDL-Cholesterine erhöhte. Das Körpergewicht sank um 5 bis 10 kg, ebenso kam es zu Blutdrucksenkungen, allerdings nicht in allen Studien. Damit konnten mit Hilfe der Yoga-Therapie wichtige Risikofaktoren für die koronaren Herzkrankheiten gemindert werden, und zwar deutlich besser als in den Kontrollgruppen.

Aber auch die Schwere der Erkrankung selbst ging in den Yogagruppen deutlich mehr zurück als in den Kontrollgruppen. In den zwei Studien, in denen die Kalkablagerungen in den Arterien gemessen wurden, verminderten sich die Schäden an der Gefäßwand, der Arteriendurchmesser (und damit die Durchblutung des Herzmuskels) stieg an. Die Patienten konnten sich körperlich wieder wesentlich mehr zumuten (z.B. Treppensteigen): Eine Studie spricht z.B. von einer um 44% erhöhten Leistungsfähigkeit. Am wichtigsten aber: Die Angina pectoris Beschwerden gingen unter der Yoga-Therapie zurück, und zwar um bis zu 90%. Infolgedessen verringerte sich auch die Notwendigkeit weiterer medizinischer Maßnahmen, wie PTCA und CABG, deutlich.

Zu Risiken und Nebenwirkungen der Yoga-Therapie gibt es derzeit keine Aussagen. Man kann aber aufgrund der Art der Therapie davon ausgehen, dass die Therapie nebenwirkungsarm ist, auch wenn sie über längere Zeit durchgeführt wird.

Aus Sicht der Carstens-Stiftung ergeben sich aus der bisherigen Forschung folgende Schlussfolgerungen:

Die Datenlage zur Wirksamkeit von Yoga bei KHK ist gut. Die Yoga-Therapie muss als erfolgreiche Maßnahme angesehen werden, die Risikofaktoren der koronaren Herzkrankheit und auch deren Schwere zu verringern.

Die Aussagekraft dieser Schlussfolgerung wird vor allem dadurch eingeschränkt, dass die verschiedensten Formen von Yoga untersucht wurden und es daher keine Empfehlungen geben kann, welche Elemente des Yoga für den Erfolg notwendig sind.

Die Effekte der Yoga-Therapie scheinen über einfache Maßnahmen zur Ernährungsumstellung oder für mehr Bewegung hinaus zu gehen. Möglicherweise ist dieses darin begründet, dass es Yoga vermag, die Patienten bei der Stange zu halten: häufig führen die Patienten auch noch nach einem Jahr ihre Übungen durch. Damit werden auch Umstellungen des Lebensstils erfolgreicher.

Eine Yoga-Therapie sollte daher über lange Zeit durchgehalten werden, um die Erfolge auch langfristig zu sichern.

Es ist ein aus allen Wissenschaftsbereichen bekanntes Phänomen, dass Studien mit eher negativen Ergebnissen seltener veröffentlicht werden als solche mit positiven Ergeb-nisse. Dieses ist auch bei der Yoga-Therapie möglich. Daher wurde in dieser Zusammenfassung möglicher Weise die Güte der Yoga-Therapie etwas überbewertet.

Das erfolgreiche Lernen von Yoga setzt ein angeleitetes Training unter einem erfahrenen Trainer voraus.

Auch wenn Sie mit wenigen und milden Nebenwirkungen rechnen können, sollte die Behandlung immer unter Begleitung eines Arztes erfolgen. Dieses ist allein schon deswegen nötig, weil die Erkrankung selbst eine ständige Kontrolle durch den Arzt erfordert.

Aus gesundheitspolitischer Sicht bleibt allerdings ungeklärt, ob es sinnvoll ist, KHK-Patienten systematisch Yoga anzubieten. Hierfür wäre eine zuverlässige Kosten-Nutzen-Analyse notwendig.

 
[a] Mit Arteriosklerose (oder Atherosklerose) bezeichnet man die Einlagerung von Kalk in sauerstoffreiche blutführende Gefäße (Arterien), die dadurch ihre Elastizität verlieren und den Gefäßdurchmesser verengen.
[b] Angina pectoris ist die Brustenge (oder Herzenge), also (oft bis in die Arme ausstrahlenden) Schmerzen hinter dem Brustbein, gepaart mit Atembeklemmungen.
[c] Unter PTCA versteht man die Erweiterung der Herzkranzgefäße mit einem Ballon, CABG ist eine Bypass-Operation (in der das Blut durch neue Gefäße umgeleitet wird).
[d] Eine Studie nennt man randomisiert, wenn die Patienten nach dem Zufallsprinzip entweder der Yoga-Behandlung oder einer Kontrollbehandlung (z.B. rein konventionelles Vorgehen oder ein Sportprogramm) zugeteilt werden.
[e] Cholesterine sind Fette, die mit der Nahrung aufgenommen und auch vom Körper selbst gebildet werden können. In der Risikobewertung für KHK unterscheidet man die „guten“ HDL-Cholesterine von den „schädlichen“ LDL-Cholesterinen.
 
Literatur
  1. Hutchinson S, Ernst E. Yoga therapy for coronary heart disease: a systematic review. Perfusion 2004; 17: 44-51. > Abstract
 
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Rainer Lüdtke
Dipl.-Stat. Rainer Lüdtke
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