Demenz: Was verschreiben Ärzte?

Ginkgo immer noch ein bewährtes Mittel
Immer mehr Menschen weltweit erkranken an Demenz, wie die aktuellen Statistiken zeigen. Es sind hauptsächlich die Alzheimer-Krankheit-spezifische Demenz und die vaskuläre Demenz, die eine Herausforderung für die Medizin, aber auch für die Angehörigen und die Betroffenen selbst darstellen. Leider liefern die existierenden Leitlinien zur Behandlung von Demenz sehr heterogene Aussagen. Wie sieht aber die Realität der Verschreibungspraxis bei behandelnden Ärzten aus? Dies untersuchte nun eine Gruppe von Wissenschaftlern der Universität Witten-Herdecke.

Über einen Zeitraum von fünf Jahren wurde in 22 Arztpraxen erhoben, welche Medikamente demenzkranken Patienten verschrieben wurden. Alle eingeschlossenen Ärzte verfügten über eine Ausbildung in anthroposophischer Medizin. Bei den Patienten handelte es sich um insgesamt 577 Demenzkranke, wobei die Mehrheit der Patienten entweder an unspezifischer Demenz oder an vaskulärer Demenz (von Durchblutungsstörungen im Gehirn ausgelöst) erkrankt war. Darüber hinaus waren aber auch Patienten dabei, die an Alzheimerdemenz oder Parkinson-spezifischer Demenz litten. Drei Viertel der Patienten litt noch unter anderen Krankheiten wie z.B. Herzschwäche, Bluthochdruck, Diabetes u.a. 

Rund einem Viertel der Demenzkranken wurden Antidementiva wie Cholinesterasehemmer und/oder Memantin verschrieben. Obwohl Ginkgo biloba-Präparate nicht als Therapieempfehlungen in den aktuellen Demenz-Leitlinien auftaucht, machten sie fast 70 Prozent der verschriebenen Präparate aus. Interessant ist, dass es vornehmlich Neurologen waren, die Ginkgo-Präparate verordneten (19 von 22 Ärzten). Häufig wurden die Ginkgo-Präparate zusätzlich zu den konventionellen Mitteln wie Antidementiva, Antidepressiva oder Neuroleptika verschrieben.

Einschätzung
An dem Ergebnis dieser prospektiven Studie ist hervorzuheben, dass Gingko-Präparate noch immer zu den meist verordneten Mitteln bei demenzkranken Patienten gehören, obwohl nicht eine der aktuellen Leitlinien zur Behandlung von Demenzerkrankungen diese empfiehlt.

Da es sich in der Studie um Ärzte mit komplementärmedizinischem Hintergrund handelte, erstaunt diese Aussage aber erst einmal nicht. Viel interessanter wäre es doch gewesen zu erfahren, auf welcher Motivation die Wahl des Mittels begründet ist. Die Wissenschaftler hätten es auch begrüßt, wenn die Ärzte in die Diagnose der Demenzerkrankung mehr Sorgfalt investiert hätten. Normalerweise beträgt der Anteil der auf Alzheimer zurückzuführenden Demenz 50-70 Prozent, in dieser Studie sind es aber gerade einmal 10 Prozent. Dahingegen war der Anteil der Diagnosen einer unspezifischen Demenz sehr hoch.

Als erste Einschätzung gibt diese Studie jedoch einen guten Überblick über die derzeitige Situation der Verschreibepraxis von Arzneimitteln hinsichtlich demenzkranker Patienten. Weitere Untersuchungen mit einer repräsentativeren Patientenzahl und einer differenzierteren Diagnosepraxis wären wünschenswert.

Förderschwerpunkt Demenz
Die Carstens-Stiftung hat einen Förderschwerpunkt Demenz eingerichtet. Dieser dient sowohl der Erforschung der Demenzerkrankung, als auch der Verbesserung der Lebensqualität Erkrankter und Pflegender.

Zurück zur Nachrichtenübersicht
 
Literatur
  1. Jeschke E, Ostermann T, Vollmar HC, Tabali M, Schad F, Matthes. Prescribing patterns in dementia: a multicentre observational study in a German network of CAM physicians. BMC Neurology 2011; 11 > Abstract
 
Diese Seite
per Email versenden
drucken
share on facebook
 
Daniela Hacke, M.A.
Fachbereich Informationsbeschaffung und Wissensmanagement
Telefon
Email
 
© 2011-2014 Karl und Veronica Carstens-Stiftung | Im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft | Am Deimelsberg 36 | 45276 Essen | Telefon: +49 0201 563050 | Telefax: +49 0201 56305 30