Demenz: Antidepressiva erhöhen Sturzrisiko

Verordnung häufig fragwürdig
Viele ältere Menschen haben ein erhöhtes Sturzrisiko. Bei Demenzkranken, die in Pflegeheimen mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern als Antidepressiva behandelt werden, steigt dieses Risiko laut einer niederländischen Studie jedoch signifikant an.

Über einen Zeitraum von insgesamt zwei Jahren wurden die Medikamenteneinnahme und die Stürze von Demenzpatienten in 248 Pflegeheimen dokumentiert. Auf diese Weise konnte eine empirische Basis von 85.074 Personen/Tagen erhoben werden.

Pro Bewohner kam es durchschnittlich zu knapp drei Stürzen im Jahr, wobei jeder dritte Sturz zu einer Verletzung führte. Dabei stellte sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen der Einnahme von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRIs) und dem Sturzrisiko heraus.

Das Risiko, einen Sturz zu erleiden, erhöhte sich bereits ab einem Viertel der Tagesdosis SSRI um 31%. Wurde die Tagesdosis zur Hälfte eingenommen, stieg das Risiko bereits um 73%, bei voller Tagesdosis auf ganze 198%. Das bedeutet: Unter der vollen Tagesdosis war die Chance, zu stürzen, dreimal so hoch, wie ohne Antidepressivum. Wenn nicht nur SSRIs, sondern in Kombination auch Hypnotika oder Sedativa (beispielsweise Schlafmittel) eingenommen wurden, stieg das Sturzrisiko sogar noch weiter an.

Einschätzung
Die Studie verdeutlicht ein enormes Problem in der Versorgung von Demenzpatienten: die Differentialdiagnostik.

Die Diagnose "Depression" ist bei Demenzpatienten schwierig zu stellen. Da es sich bei beiden Krankheitsbildern um kognitive Störungen handelt, lassen sich die Symptome einer Demenz und diejenigen einer Depression schwer unterscheiden. Nicht selten werden Antidepressiva vorschnell verordnet, häufig sogar ohne Diagnose einer Depression.

Umgekehrt wird aber auch eine Demenz erschreckend oft nicht erkannt. So konnte etwa auf dem Zukunftsforum Demenz am 18. Januar belegt werden, dass in Pflegeheimen bei jedem zweiten Demenzkranken die Demenz nicht diagnostiziert wird und daher "die Verordnungsrate von dämpfenden Psychopharmaka im Pflegeheim deutlich höher [ist] als die der lebensqualitätssteigernden Antidementiva".

Vor diesem Hintergrund muss die verordnete Medikation von Demenzpatienten geradezu willkürlich erscheinen.

Wie die vorliegende Studie verdeutlicht, kann dies zu einer Verschlechterung der Patientensituation führen: Gerade Stürze mit Verletzungsfolge sorgen in der Regel für eine erhöhte Orientierungslosigkeit und Unsicherheit beim Patienten, was medizinisch leicht als Verschlechterung seiner Symptome aufgefasst werden kann und dann in höherer Medikation resultiert – ein Teufelskreis.

Auf der vom 12.-14. Januar von der Carstens-Stiftung geförderten Expertenkonferenz zum Thema Demenz kristallisierte sich außerdem heraus, dass über eine medikamentöse Therapie allein – auch wenn sie angemessen ist – allenfalls eine Stagnation der Symptome über einen begrenzten Zeitraum erreicht werden kann.

Eine wirkliche Besserung wird wohl erst erzielt werden können, wenn das Individuum in seiner eigenen Situation und in seinem speziellen Umfeld betrachtet wird. Nur so kann ein ganzheitliches Therapiekonzept für Demenzerkrankte erstellt werden, in dem sich medikamentöse Therapie, unterstützende naturheilkundliche Maßnahmen und menschliche Zuwendung gewinnbringend ergänzen.

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Literatur
  1. Sterke, C., Ziere, G., van Beeck, E., Looman, C., van der Cammen, T.: Dose-response relationship between Selective Serotonin Reuptake Inhibitors and Injurious Falls: A study in Nursing Home Residents with Dementia. British J of Clin Pharma 2012; doi 10.1111 > Abstract
 
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Michèl Gehrke, M.A.
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