10.02.2016

Das Fasten spielt in vielen Religionen eine große Rolle

Ein Überblick
Unter Fasten verstehen die meisten von uns: abnehmen, entschlacken, dem Körper was Gutes tun und dabei möglichst überflüssige Pfunde loswerden. Nicht so bei denen, die aus religiösen Motiven fasten. Hier stehen Begriffe wie Enthaltsamkeit, Innere Reinigung und Läuterung  im Mittelpunkt.

Im Hinduismus z.B. gehört das Fasten zu einem religiösen Ritual, das weniger dem Selbstzweck als vielmehr der spirituellen Erleuchtung dienen soll. Dabei gibt es keine strengen Vorschriften was genau vom Speiseplan gestrichen wird und wann wie lange gefastet werden soll. Im Buddhismus soll nicht zu bestimmten Zeiten streng gefastet werden, vielmehr soll sich der Mensch insgesamt mäßigen und die Nahrungszufuhr möglichst auf das Nötigste beschränken.

Im Judentum schreibt die Tora eine vierundzwanzigstündige Fastenzeit mit strikter Nahrungs- und Flüssigkeitskarenz, den Jom Kippur im Herbst jeden Jahres vor. Im Talmud, der eine weitaus umfangreichere Auslegung der Gesetze der Tora ist, sind noch weitere Fastentage im Jahr vorgesehen.

Im muslimischen Mondmonat Ramadan soll tagsüber, so lange es hell ist, auf Nahrung und Flüssigkeit aber auch z.B. auf das Rauchen verzichtet werden. Das Fasten gehört zu einer der fünf Säulen des islamischen Glaubens und ist bis auf ganz bestimmte Ausnahmen (wie Schwangerschaft, Krankheit u.a.) für jeden Muslim verpflichtend.

Im Christentum, vor allem in der östlich-orthodoxen Kirche wird über das ganze Jahr verteilt immer wieder bis zu mehreren Wochen (in der Karzeit z.B. bis zu 50 Tage vor Ostern) zum Fasten angehalten. Dabei sollte in der Zeit auf tierische Produkte und Alkohol verzichtet werden. Das sogenannte Daniel-Fasten im Christentum ist nicht konfessionsgebunden und geht auf den Propheten Daniel aus dem Alten Testament zurück. Hier sind Dauer und Zeitpunkt jedem selbst überlassen. Vom Speiseplan verbannt sind für die Fastenzeit u.a. tierische Produkte, raffinierte Kohlenhydrate, Koffein und Alkohol.

Das Heilfasten ist das in Deutschland wohl bekannteste Fasten und hat eher eine gesundheitliche denn eine religiöse Bedeutung. Viele verschiedene Vorgehensweisen gibt es dabei: vom Buchinger Heilfasten, über das Fasten nach F.X. Mayer bis hin zur Schroth Kur. Literatur rund ums Fasten und entsprechende Anleitungen finden sich jede Menge gerade jetzt nach Karneval in den Bücherregalen.

Die Doktorarbeit von Daniela Liebscher, die von der Carstens-Stiftung gefördert wurde, untersuchte die unterschiedlichen religiösen Fastenpraktiken und ihre Relevanz für die heutige medizinische Praxis. Dabei analysierte sie in ihrer Arbeit die Ergebnisse von klinischen Studien aus den verschiedenen Ländern zu den Auswirkungen der unterschiedlichen Fastenarten auf anthropometrische Parameter, Blutfettwerte und Hämodynamik bei normalgewichtigen, gesunden Fastenden.
 
Generell gilt im Übrigen bei allen Religionen, dass nur Gesunde und keine alten Menschen, schwangere Frauen oder Kinder fasten sollten. Ganz anders als die vielen therapeutischen Fasteninterventionen, die in Studien wie in der vorliegenden Reihe weiter zu lesen ist, zum Teil große Erfolge aufweisen.

Der Vergleich des menschlichen Fastens mit Grundlagenstudien zur Kalorienrestriktion oder zum intermittierenden Fasten bei Tieren, welche deutlich gesundheitsfördernde Ergebnisse zeigen, scheint nicht uneingeschränkt zulässig. Aufgrund der Studienlage kann deshalb derzeit nicht beantwortet werden, ob diese positiven Effekte auch durch regelmäßiges religiöses Fasten im menschlichen Körper erzielt werden können.
 
Die Ergebnisse im Einzelnen aus der Arbeit
Anthropometrische Parameter: Während beim Jom Kippur nur eine leichte Abnahme des Körpergewichts aufgrund von Verschiebungen im Flüssigkeitshaushalt vorkamen, konnten bei einwöchigem Heilfasten und beim Daniel-Fasten keine signifikanten Ergebnisse dokumentiert werden. Beim griechisch-orthodoxen und Ramadan-Fasten zeigte sich eine Abnahmetendenz für Gewicht und Body-Mass-Index (BMI), welche sich mit der Länge des Fastens zu verstärken scheint. Für keine der Fastenarten konnte bisher ein Rebound- Effekt nachgewiesen werden.
 
Blutfette: Im Fettstoffwechsel beobachtete Veränderungen während des Jom Kippur sind aufgrund der Kürze des Fastens lediglich als passager zu bewerten. Die zum griechisch-orthodoxen und Daniel-Fasten vorliegenden Studien konnten bisher die Reduktion des Gesamt- und LDL-Cholesterols belegen, während beim Heilfasten die kurzfristigen Effekte widersprüchlich erscheinen und wenig Langzeitergebnisse vorhanden sind. Beim Ramadan-Fasten war die Variabilität der Ergebnisse groß, wobei sich jedoch fast durchgehend eine Erhöhung der Werte für HDL und HDL-Cholesterol zeigte.
 
Hämodynamik: Zusammenfassend kann man bei der dürftigen Studienlage für alle Fastenarten entweder keine Veränderung oder eine Tendenz zur Verbesserung der Blutdruckwerte sehen.

Die meisten Studien zum religiösen Fasten sind Beobachtungsstudien, deren verschiedene Umgebungsbedingungen den Vergleich der Ergebnisse, insbesondere beim Ramadan-Fasten, erschweren. Bis auf wenige Ausnahmen kommen die Studien aus Ländern, in denen das jeweilige Fasten traditionell praktiziert wird.
 
Literatur
  1. Liebscher, Daniela. Religiöses Fasten im medizinischen Kontext Auswirkungen auf anthropometrische Parameter, Blutfettwerte und Hämodynamik. ISBN 978-3-86864-029-8. KVC Verlag, Essen. > Abstract
 
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Beate Stock-Schröer
Dr. rer. medic. Beate Stock-Schröer
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In ihrer Doktorarbeit untersucht Daniela Liebscher Auswirkungen auf anthropometrische Parameter, Blutfettwerte und Hämodynamik. [mehr]
 
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