07.10.2015

Crohn und Colitis-Tag 2015

Mit einer mehrdimensionalen Therapie lassen sich die Beschwerden in den Griff bekommen
Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind unter den Oberbegriff "Chronisch entzündliche Darmerkrankungen" (Abkürzung: CED) einzuordnen, an denen in Deutschland ca. 300.000 Patienten leiden. Beide Erkrankungen verlaufen in wiederkehrenden (rezidivierenden) Schüben und manifestieren sich in einem ausgeprägten Entzündungsgeschehen im (Magen-)Darm-Trakt. Bei Morbus Crohn kann der gesamte gastrointestinale Bereich betroffen sein, bei der Colitis ulcerosa konzentriert sich die Entzündung meist auf den Dickdarm. Im schlimmsten Fall droht gar ein operativer Eingriff.

Die Ursache für die Entstehung von Morbus Crohn und Colitis ulcerosa ist nur zum Teil geklärt. Erkenntnisse aus der Forschung legen jedoch nahe, dass neben genetischen Faktoren auch Begebenheiten, die das Immunsystem bereits im Kleinkindalter beeinflussen, eine Rolle spielen könnten. Wer als Säugling wenigstens ein Jahr gestillt wurde oder aber auf dem Land aufgewachsen ist, hat ein geringeres Risiko, eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung zu entwickeln. [1,2] Auch häufige Antibiotikagaben und die damit verbundene Gefahr einer gestörten Darmflora (Dysbiose) werden als auslösende Faktoren, insbesondere für Morbus Crohn, vermutet. [3]

Neben den eigentlichen Krankheitsbeschwerden leiden die betroffenen Patienten häufig unter den Nebenwirkungen der konventionellen Therapie (Kortikosteroide, Immunsuppressiva). Das Interesse der Betroffenen an verträglicheren Behandlungsmöglichkeiten ist deshalb groß. In einer Umfrage unter Morbus Crohn- und Colitis ulcerosa-Patienten gab über die Hälfte der 671 Befragten an, "sanfte" Behandlungsmöglichkeiten aus den klassischen Naturheilverfahren oder aber der Komplementärmedizin zu nutzen. [4] Hinter der Homöopathie als beliebteste Therapieform rangieren Phytotherapie, Ayurveda, Traditionelle Chinesische Medizin/Akupunktur und die mikrobiologische Therapie (Behandlung mit Probiotika) in der Gunst der Befragten.

Komplementärmedizinische Behandlungsmaßnahmen können die konventionelle Therapie sicherlich nicht ersetzen oder zur Heilung führen, aber zur Verhinderung von Krankheitsschüben, Linderung der Akutsymptome und Verbesserung der Lebensqualität beitragen. Wie so oft bei Erkrankungen mit chronischem Charakter liegt der Impuls bei den Patienten selbst, in der Phase der Beschwerdefreiheit (Remissionsphase) ihren Gesundheitszustand zu verbessern, um akute Schübe zu verhindern.
 
Pflanzliche Hilfe bei Durchfall & Co.
Pflanzliche Präparate, die Weihrauch, Blutwurz, Kurkuma, Ingwer oder Myrrhe enthalten, haben sich als entzündungshemmend und wirksam bei Durchfall, Blähungen, Völlegefühl und Appetitlosigkeit erwiesen. Ein pflanzliches Kombinationspräparat mit Wirkstoffen aus der Myrrhe, Kamille und Kaffeekohle zeigte sich in einer Studie in der Remissionserhaltung bei Colitis ulcerosa ebenso wirksam wie das Standardmedikament, nur sehr viel verträglicher. [5] Bei krampfartigen Schmerzen, gestörter Darmtätigkeit, Flatulenzen oder Blähungen lindern Tees mit Kamillenblüten, Kümmel, Süßholzwurzel oder/und Fenchel die Beschwerden. Bei Durchfall helfen Heidelbeermuttersaft bzw. getrocknete Heidelbeeren oder Flohsamen, Pfefferminztee oder -öl bessert Magen- und Gallenbeschwerden wie Übelkeit und Erbrechen.
 
Stressbewältigung für mehr Lebensqualität
Psychosoziale Stressfaktoren spielen eine entscheidende Rolle im Krankheitsverlauf chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen. Entspannungsverfahren wie Meditation, autogenes Training und Achtsamkeitstraining helfen bei der Stressbewältigung im Alltag und erhöhen die Lebensqualität der Patienten. [6]
 
Essen, was einem gut tut
Bisher gibt es keine wissenschaftlich geprüften Ernährungsempfehlungen bei CED. Allgemein gilt: Was gut vertragen wird, ist gut für den Patienten. Dieser sollte aber darauf achten, dass das mit CED verbundene Risiko von Mangelernährung und Nährstoffdefizit vermieden wird. Während akuter Entzündungsschübe hat sich eine vollwertige Schonkost, in der Remissionsphase eine fettarme, gut verträgliche Kost, z.B. in Anlehnung an die mediterrane Küche, bewährt. [7]

Regelmäßige Bewegung zur Vorbeugung
Regelmäßige moderate sportliche Betätigung wie (Nordic) Walking, Radfahren, Schwimmen und leichtes Joggen hilft, das Immunsystem zu stärken, Stress abzubauen, die Stimmung aufzuhellen und den körperlichen Gesundheitsstatus zu verbessern, kurz gesagt, das allgemeine Wohlbefinden zu stärken, Entzündungsaktivitäten im Rahmen der Erkrankung zu reduzieren und sich somit positiv auf den Krankheitsverlauf auszuwirken. Aber auch Alltagsbewegung, für ältere Menschen besser geeignet, wie Treppensteigen, (Spazieren)Gehen sowie Garten- und Hausarbeit wirken sich positiv auf den Krankheitsverlauf aus. Wer sanftere, achtsame Bewegungstherapien bevorzugt, kann mit Tai Chi, Qigong, Yoga und Feldenkrais ebenfalls zur Gesunderhaltung beitragen.
 
Mikrobiologische Therapie
Eine mikrobiologische Therapie mit Probiotika wie Bifidobacterium or Lactobacillus unter ärztlicher Aufsicht zur Verhinderung von Durchfällen kann die Darmflora positiv beeinflussen und helfen, den Bedarf an Kortikosteroiden wesentlich zu reduzieren. Bei Patienten mit Colitis ulcerosa hat sich zur Remissionserhaltung insbesondere das Bakterium E. coli Nissle bewährt. [8] Zur Prävention oder in der Nachsorge kann man zu frei verkäuflichen diätetischen Nahrungsergänzungsmitteln oder Joghurtprodukten greifen, die meist ein Gemisch aus verschiedenen Bakterienkulturen enthalten.
 
Akupunktur und Moxibustion
Diagnostische und therapeutische Verfahren der Traditionellen Chinesischen Medizin können unterstützend in der Behandlung chronisch-entzündlicher Erkrankungen wirken. Neben der chinesischen Heilpflanzentherapie, Ernährung und entspannenden Bewegungstherapien wie Tai Chi und Qigong kommen insbesondere Akupunktur und Moxibustion (Erwärmung von (Akupunktur-)Punkten am Körper) zum Einsatz. Die Forschung attestiert beiden Verfahren positive Wirksamkeit bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, die mittlerweile auch in die Leitlinien für die Behandlung der Colitis ulcerosa aufgenommen worden sind. [9]
 
Homöopathie
Trotz fehlender Erkenntnisse aus der klinischen Forschung empfehlen sich homöopathische Mittel zur Behandlung typischer Symptome bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. In der Behandlung liegt das Augenmerk auf dem individuellen Symptomenbild, zu dessen Abklärung ein Homöopath aufgesucht werden sollte. Bei Durchfall, Magendruck, Blähungen und anderen typischen Symptomen haben sich Mittel wie Arsenicum album, Nux vomica, Sulfur und Aloe bewährt.
 
Was kann man noch tun?
Bei akutem Durchfall kann die Einnahme von Heilerde helfen, welche durch Gärprozesse im Darm entstehende schädliche Stoffe und Stoffwechselprodukte bindet. Wickel und Auflagen unter Verwendung von Kümmel, Kamille oder Heublumen können Blähungen vermindern und wirken krampflösend und entzündungshemmend. Auch Leibwaschungen mit kaltem oder warmem Wasser sowie Bauchmassagen können Beschwerden im Magen-Darm-Bereich lindern.
 
Achtung: Patienten, die unter Stenosen (Darmverengungen) leiden oder ein Stoma (künstlicher Darmausgang) tragen, sollten alle Maßnahmen im Vorfeld mit ihrem behandelnden Arzt besprechen.
 
Literatur
  1. Ng SC et al. Environmental risk factors in inflammatory bowel disease: a population-based case control study in Asia-Pacific. Gut 2015; 64: 1063-1071 > Abstract
  2. Timm S, Svanes C, Janson C, Sigsgaard T, Johannessen A, Gislason T, Jogi R, Omenaas E, Forsberg B, Torén K, Holm M, Brabäck L, Schlünssen V. Place of upbringing in early childhood as related to inflammatory bowel diseases in adulthood: a population-based cohort study in Northern Europe. Eur J Epidemiol 2014; 29: 429-437 > Abstract
  3. Gevers D et al. The treatment-naïve microbiome in new-onset Crohn’s disease. Cell Host Microbe 2014; 15(3): 382-392 > Abstract
  4. Langhorst J, Anthonisen IB, Steder-Neukamm U, Lüdtke R, Spahn G, Michalsen A, Dobos GJ. Amount of systemic steroid medication is a strong predictor for the use of complementary and alternative medicine in patients with inflammatory bowel disease. Inflamm Bowel Dis 2005; 11: 287-295 > Abstract
  5. Langhorst J, Varnhagen I, Schneider SB, Albrecht U, Rueffer A, Stange R, Michalsen A, Dobos GJ. Randomised clinical trial: a herbal preparation of myrrh, chamomile and coffee charcoal compared with mesalazine in maintaining remission in ulcerative colitis – a double-blind, double-dummy study. Aliment Pharmacol Ther 2013; 38: 490-500 > Abstract
  6. Kruis W, Fric P, Pokrotnieks J et al. Maintaining remission of ulcerative colitis with the probiotic Escherichia coli Nissle 1917 is as effective as with standard mesalazine. Gut 2004; 53: 1617-1623 > Abstract
  7. Langhorst J, Müller T, Lüdtke R, Franken U, Paul A, Michalsen A, Schedlowski M, Dobos GJ, Elsenbruch S. Effects of a comprehensive lifestyle modification program on quality-of-life in patients with ulcerative colitis. A twelve-month-follow-up. Scand J Gastroenterol 2007; 42: 734-745 > Abstract
  8. Langhorst J. Komplementäre Verfahren bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen. Z Komplementärmed 2009; 1: 12-19 > Abstract
  9. Ji J, Lu Y, Liu H, Feng H, Zhang F, Wu L, Cui Y, Wu H. Acupuncture and moxibustion for inflammatory bowel disease. A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. eCAM 2013; Article-ID 158352 > Abstract
Mehr zum Thema: Magen-Darm & Komplementärmedizin allgemein > Was tun bei Colitis ulcerosa und Morbus Crohn > Probiotika gegen Antibiotika
 
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Daniela Hacke, M.A.
Fachbereich Informationsbeschaffung und Wissensmanagement
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