Demenz: Antipsychotika beeinflussen Sterblichkeitsrisiko

Medikamentöse Therapie oft mit starken Nebenwirkungen
Die US Food and Drug Administration (FDA) warnte bereits im Jahre 2005 davor, dass atypische Neuroleptika/Antipsychotika, die älteren Demenzpatienten ohne zweifelsfrei gesicherte Diagnose verabreicht werden, mit einem erhöhten Sterblichkeitsrisiko in Verbindung stehen könnten. Unbeantwortet blieb dabei bisher die Frage, ob bestimmte Antipsychotika ein höheres Risiko bergen, als andere. 2008 wurde die Warnung daher schließlich auf konventionell verfügbare Antipsychotika ausgeweitet (1).

Trotzdem kommen diese Mittel noch immer verstärkt bei Demenzpatienten zum Einsatz – und zwar mit erheblichen Nebenwirkungen, wie eine neue Studie (2) an der Harvard Medical School verdeutlicht, die nun im British Medical Journal veröffentlicht wurde.

Insgesamt 75.445 Pflegeheim-Bewohner in 45 US Staaten wurden über einen Gesamtzeitraum von 2001 bis 2005 berücksichtigt. Alle Bewohner befanden sich im Alter von 65 Jahren oder höher. Beobachtet wurden jeweils die Sterblichkeitsrisiken der Patienten über einen Zeitraum von sechs Monaten.

Von allen Patienten verstarben 6.598 innerhalb von sechs Monaten an einer anderen Ursache, als einer Krebserkrankung. 49% der Todesfälle wurden auf Durchblutungsstörungen zurückgeführt, 10% auf Erkrankungen des Gehirns und 15% auf Erkrankungen der Lunge/Atemwege.

Um das Sterblichkeitsrisiko zu bestimmen, wurden mehrere Faktoren berücksichtigt, darunter etwa das Alter, Geschlecht, eventuell bestehende physische Krankheiten, die Qualität des Pflegeheimes usw. Außerdem wurden auch die eingenommenen Antipsychotika berücksichtigt, darunter Aripiprazol, Haloperidol, Olanzapin, Quetiapin, Risperidon und Ziprasidon.

Setzte man die Todesfälle in Relation zu den eingenommenen Antipsychotika, so zeigte sich: Patienten, die mit Haloperidol behandelt worden waren, hatten ein doppelt so hohes Risiko zu sterben, wie solche Patienten, die Risperidon eingenommen hatten. Quetiapin hatte das Risiko hingegen verringert. Der Effekt von Haloperidol war während der ersten 40 Tage der Einnahme am stärksten und änderte sich auch nicht durch eine Anpassung der Dosis.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass Antipsychotika das Sterblichkeitsrisiko älterer Menschen in unterschiedlicher Weise beeinflussen – Ärzte und Pfleger sollten daher genau abwägen, mit welchem Ansatz Verhaltensauffälligkeiten behandelt werden können. In seinem begleitenden Editorial fordert Dr. Piers McCleery vom National Health Service (dem Britischen Gesundheitswesen) außerdem, dass zukünftige Forschung sich auf nicht-medikamentöse Maßnahmen und ihre Implementierung in die Therapie konzentrieren sollte.

Einschätzung
Wie bereits an anderer Stelle bemerkt, verdeutlicht auch diese Studie ein Hauptproblem im Umgang mit Demenz: Eine Standardtherapie für die Demenzerkrankung existiert noch nicht, die Forschung steckt noch in den Kinderschuhen.

Die Diagnose einer Demenz und vor allem die Abgrenzung zu anderen psychischen Erkrankungen fällt häufig schwer. Die darauf basierende Medikation muss in vielen Fällen als entsprechend willkürlich angesehen werden. Häufig werden Neuroleptika vorschnell verordnet.

Wie die vorliegende Studie zeigt, hat die Wahl der Medikation sogar Einfluss auf das Sterblichkeitsrisiko des Patienten, von Lebensqualitätsstandards ganz abgesehen. Zwei der in dieser Studie berücksichtigten Neuroleptika sind auch in Deutschland für Ihre Nebenwirkungen bekannt. So spricht die PRISCUS-Liste (3), ein Verzeichnis potenziell inadäquater Medikation für ältere Menschen, bei Haloperidol von extrapyramidalen Nebenwirkungen (Bewegungsstörungen) schon bei geringer Dosierung sowie erhöhter Empfindlichkeit für anticholinerge Nebenwirkungen (Störungen des vegetativen Nervensystems, z.B. Angstzustände, Verwirrtheit, übermäßige Schläfrigkeit). Bei Olantapin ist ein erhöhtes Risiko für zerebrovaskuläre Ereignisse (Störungen des Durchblutungssystems) verzeichnet, sofern der Patient älter als 75 Jahre und an Demenz erkrankt ist. Das Sterblichkeitsrisiko sei bereits ab einem Alter von 65 Jahren erhöht.

Erst kürzlich hat eine von der Carstens-Stiftung geförderte interdisziplinäre Expertenkonferenz zum Thema Demenz stattgefunden. Konsens: selbst über eine angemessene medikamentöse Therapie lässt sich allenfalls eine Stagnation der Demenz-Symptome über einen begrenzten Zeitraum erreichen. Ein ganzheitliches Therapiekonzept für Demenzerkrankte, das neben einer medikamentösen Therapie auch nicht-medikamentöse Maßnahmen berücksichtigt, wird dringend benötigt.

Die Carstens-Stiftung unterstützt die Entwicklung eines solchen Konzeptes aktuell mit ihrem Förderschwerpunkt Demenz.

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Literatur
  1. FDA: Information for Healthcare Professionals: Conventional Antipsychotics > Abstract
  2. S Schneeweiss, K F Huybrechts, T Gerhard, S Crystal, M Olfson, J Avorn, R Levin, J A Lucas: Differential risk of death in older residents in nursing homes prescribed specific antipsychotic drugs: population based cohort study. BMJ 2012;344:e977 > Abstract
  3. PRISCUS-Liste (Liste potentiell inadäquate Medikation für ältere Menschen) > Abstract
  4. BMJ Pressemeldung: Specific antipsychotic drugs increase risk of death in elderly dementia patients > Abstract
 
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Michèl Gehrke, M.A.
Michèl Gehrke, M.A.
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